South England und die Home Counties gehören zu den meistgesuchten Auswanderungszielen für Deutschsprachige im gesamten Vereinigten Königreich – und das aus gutem Grund. Die Region verbindet, was selten zusammenkommt: die unmittelbare Nähe zu einer der dynamischsten Metropolen der Welt mit einer Lebensqualität, die sich in sanften Hügeln, gepflegten Marktplätzen und einer dichten Infrastruktur ausdrückt. Wer in South England lebt, pendelt entweder nach London oder hat die Stadt längst hinter sich gelassen – beides funktioniert hier gleichzeitig.

Was die Region für Auswanderer besonders attraktiv macht, ist ihre innere Vielfalt. Zwischen dem Küstenstreifen an der Kanalküste, den weiten Landschaften von Surrey und Kent, den historischen Universitätsstädten und den modernen Vorstadtzentren findest du eine Bandbreite, die kaum eine andere Region Europas so konzentriert bietet. Familien schätzen exzellente Schulen und sichere Wohnviertel. Berufstätige nutzen schnelle Bahnverbindungen nach London. Selbstständige profitieren von einem ausgeprägten lokalen Mittelstand und einer gut vernetzten Unternehmenskultur. Rentner entscheiden sich für die Küste oder ruhige Marktgemeinden mit vollständiger Versorgung.
Dieser Artikel führt dich durch die wichtigsten Teilregionen von South England und den Home Counties, erklärt die Unterschiede in Charakter und Eignung und gibt dir praktische Orientierung zu Visum, Steuern, Krankenversicherung, Lebenshaltungskosten und der deutschsprachigen Community vor Ort.
Die wichtigsten Teilregionen
Surrey
Surrey gilt als einer der wohlhabendsten Kreise des gesamten Vereinigten Königreichs. Die Kombination aus gepflegten Dörfern, Grüngürteln und direkter Anbindung an London macht den Landkreis besonders begehrt. Orte wie Guildford, Reigate und Woking bieten eine vollständige Infrastruktur mit Shopping, Gastronomie und Krankenhäusern. Die Bahnverbindungen nach London Waterloo oder Victoria sind dicht getaktet.
Für wen geeignet: Familien und Berufstätige, die London-Nähe mit Grün kombinieren wollen.
Besonderheit: Surrey beherbergt einige der besten Privatschulen und Gymnasien Englands – ein zentrales Argument für Familien mit schulpflichtigen Kindern.
Kent
Kent trägt den Beinamen „Garden of England“ und liefert dafür deutlich sichtbare Argumente: rollende Obstgärten, weiße Kreidefelsen, mittelalterliche Marktstädte wie Canterbury und Faversham sowie eine ausgeprägte Küstenlinie zwischen Folkestone und Ramsgate. Der Eurotunnel bei Folkestone macht Kent zum kontinentalsten Teil Englands.
Für wen geeignet: Pendler nach Brüssel oder Paris, Naturliebhaber, Rentner mit Wunsch nach Küstenlage.
Besonderheit: Die Eurostar-Nähe und die vergleichsweise günstigeren Immobilienpreise gegenüber Surrey machen Kent zum attraktiven Einsteigerstandort in South England.
Sussex (East & West)
Die Grafschaften East und West Sussex vereinen Küste und Downs-Landschaft zu einem eigenständigen Lebensgefühl. Brighton ist das kulturelle Zentrum: jung, divers, kreativwirtschaftlich stark und mit direkter Bahnverbindung nach London in unter einer Stunde. Kleinere Orte wie Lewes, Chichester oder Horsham bieten ruhigere Alternativen mit eigenem Charakter.
Für wen geeignet: Kreative, jüngere Auswanderer, Selbstständige, Rentner an der Küste.
Besonderheit: Brighton hat eine der lebendigsten alternativen Kulturszenen außerhalb Londons und eine spürbar liberale, weltoffene Atmosphäre.
Hampshire
Hampshire verbindet maritime Geschichte mit grüner Landschaft. Southampton und Portsmouth sind bedeutende Hafenstädte mit starker Dienstleistungsinfrastruktur, während der New Forest als Nationalpark direkt vor der Haustür liegt. Winchester überzeugt als eine der schönsten Kleinstädte Englands mit ausgezeichnetem Schulangebot.
Für wen geeignet: Familien, die Platz und Natur suchen; Rentner mit Vorliebe für maritime Umgebungen.
Besonderheit: Der New Forest – eines der ältesten Waldgebiete Englands – liegt mitten in der Region und bietet eine Naturkulisse, die in dieser Dichte in Südengland einzigartig ist.
Berkshire (Royal County)
Berkshire ist das „Royal County“ – Windsor Castle liegt hier, und die Nähe zur Krone hat die Region nachhaltig geprägt. Neben Windsor bieten Orte wie Reading, Maidenhead und Newbury eine dichte Infrastruktur mit guter Verkehrsanbindung über die M4 und die Elizabeth Line nach London. Reading entwickelt sich zu einem ernsthaften Tech-Hub.
Für wen geeignet: Berufstätige im Tech-Sektor, Familien mit Pendelbedarf, Führungskräfte.
Besonderheit: Die Elizabeth Line (Crossrail) hat Berkshire noch enger an das Londoner Netz angebunden – Reading erreicht jetzt die City ohne Umsteigen.
Oxfordshire
Oxford selbst braucht keine lange Einführung. Die Universitätsstadt ist global bekannt, hat aber auch als Wohnort für Familien und Selbstständige beachtliche Qualitäten. Das Umland – Witney, Abingdon, Bicester – bietet ruhigere Alternativen zu erschwinglicheren Preisen. Die Region hat eine starke Forschungs- und Technologiekultur.
Für wen geeignet: Akademiker, Bildungsaffine, Familien mit hohem Anspruch an Bildungsinfrastruktur.
Besonderheit: Oxfordshire ist nach Cambridge der dichteste Wissenschafts- und Innovationscluster Großbritanniens – Biotech, Medizintechnik und KI-Unternehmen siedeln sich gezielt hier an.
Hertfordshire
Hertfordshire liegt nördlich von London und ist trotzdem Teil des klassischen Home-Counties-Gürtels. St Albans gilt als eine der begehrtesten Wohnadressen nördlich der Themse: gut erhaltene Architektur, hervorragende Schulen, schnelle Zugverbindung nach London St Pancras. Watford und Hemel Hempstead sind urbaner geprägt und günstiger.
Für wen geeignet: Familien, die London meiden, aber nah dran sein wollen; Pendler nordwärts.
Besonderheit: St Albans hat eine der ältesten Kathedralen Englands und gleichzeitig eine der höchsten Lebensqualitätsbewertungen unter den britischen Kleinstädten.
Essex
Essex hat ein Imageproblem, das mit der Realität vieler Teile des Landkreises wenig zu tun hat. SüdEssex mit Southend-on-Sea ist urban und erschwinglicher. Nördlich dagegen liegen Orte wie Chelmsford, Colchester und Saffron Walden – gut ausgebaut, familienfreundlich und mit solider Verbindung nach London Liverpool Street.
Für wen geeignet: Familien mit begrenzterem Budget, Berufstätige im Pendelbetrieb, ältere Paare.
Besonderheit: Essex bietet einige der günstigsten Immobilienpreise im Home-Counties-Vergleich bei vergleichbarer Pendelzeit nach London.
Klima & Naturrisiken
Das Klima von South England ist gemäßigt-maritim mit deutlich milderen Wintern als in Deutschland. Schnee ist selten, Temperaturen unter Null kommen vor, sind aber keine Dauererscheinung. Die Sommer sind warm ohne extreme Hitze – Temperaturen zwischen 20 und 27 Grad Celsius sind im Juli und August üblich, Spitzen über 35 Grad kommen seit einigen Jahren jedoch zunehmend vor.
Der Herbst ist die regenreichste Jahreszeit, wobei Niederschläge über das ganze Jahr verteilt fallen. South England ist insgesamt trockener als Nordengland oder Wales – ein nicht unwesentlicher Faktor für Wohlbefinden und Alltagsqualität. Küstenregionen wie Kent und Sussex profitieren von den meisten Sonnenstunden im gesamten Vereinigten Königreich.
Naturkatastrophen im klassischen Sinn gibt es in South England nicht. Das dominante Risiko ist Überschwemmung: Die Themse und ihre Nebenflüsse können nach anhaltenden Niederschlägen über die Ufer treten, und tief gelegene Bereiche in Kent, Sussex und entlang der Flusstäler sind gefährdet. Immobilienkäufer sollten Flood Risk Assessments konsequent prüfen. Hitzewellen haben in den Sommern der frühen 2020er-Jahre zugenommen und stellen vor allem für ältere Menschen eine ernstere Belastung dar als früher. Erdbeben, Hurrikane oder Trockenheit als akutes Alltagsproblem existieren in dieser Region praktisch nicht.
Visum & Aufenthalt
Mit dem Ende der EU-Freizügigkeit nach dem Brexit gelten für Deutsche in Großbritannien dieselben Einwanderungsregeln wie für alle anderen Nicht-EU-Staatsangehörigen. Ein touristischer Aufenthalt ohne Visum ist bis zu sechs Monate möglich. Wer dauerhaft in South England leben möchte, braucht einen der regulären Visa-Wege des britischen Punktesystems.
Der häufigste Weg für Berufstätige ist das Skilled Worker Visa. Voraussetzung ist ein Jobangebot von einem lizenzierten britischen Arbeitgeber, ein Mindestgehalt (aktuell in der Regel ab 38.700 Pfund jährlich, mit jobbezogenen Ausnahmen) und ausreichende Englischkenntnisse. Nach fünf Jahren kontinuierlichem Aufenthalt ist die Beantragung des Indefinite Leave to Remain (ILR) möglich – der dauerhaften Niederlassungserlaubnis.
Für Selbstständige und Unternehmer gibt es das Global Talent Visa für anerkannte Experten sowie das Innovator Founder Visa für Gründer mit validiertem Geschäftsmodell. Wer Kapital einbringen möchte, kann über das Investor Visa nachdenken, das allerdings substanzielle Mindestinvestitionen erfordert.
Für Rentner gibt es keinen dedizierten Rentnerstatus wie in einigen anderen Ländern. Der Weg führt entweder über das Family Visa (bei in Großbritannien lebenden Angehörigen), über ein bereits erteiltes ILR oder über das Settled Status-Programm, das ausschließlich für EU-Bürger gilt, die vor dem 31. Dezember 2020 in Großbritannien ansässig waren. Wer diesen Stichtag verpasst hat und neu einwandern möchte, braucht einen der regulären Visa-Wege.
Steuern
Großbritannien hat ein eigenständiges Steuersystem, das in einigen Punkten spürbar vom deutschen abweicht. Das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich ist in Kraft und verhindert, dass Einkommen in beiden Ländern vollständig besteuert wird. Wer als steuerlicher Resident in Großbritannien gilt, zahlt britische Einkommensteuer auf sein weltweites Einkommen.
Die britischen Einkommensteuersätze sind für mittlere Einkommen tendenziell niedriger als in Deutschland: Der Grundfreibetrag liegt aktuell bei rund 12.570 Pfund jährlich, der Basissatz (20 Prozent) gilt bis etwa 50.270 Pfund. Erst darüber greift der höhere Satz von 40 Prozent. Es gibt keine direkten Äquivalente zur deutschen Kirchen- oder Solidaritätsteuer.
Relevant für Auswanderer ist zudem das Konzept der Capital Gains Tax (CGT) beim Verkauf von Immobilien und Kapitalanlagen sowie die Inheritance Tax (IHT), die britische Erbschaftsteuer, die ab einem Nachlass von 325.000 Pfund mit 40 Prozent greift. Wer Immobilienbesitz in Deutschland behält und gleichzeitig in Großbritannien steuerlich ansässig ist, sollte die Wechselwirkungen mit einem auf beide Steuersysteme spezialisierten Steuerberater klären – das DBA regelt viele Fälle, aber nicht jeden Einzelfall automatisch.
Krankenversicherung
Deutsche gesetzliche Krankenversicherungen bieten keinen dauerhaften Schutz außerhalb der EU. Als Auswanderer in Großbritannien musst du dich entweder über den National Health Service (NHS) oder eine private Krankenversicherung absichern.
Der NHS ist für Visa-Inhaber zugänglich, die den Immigration Health Surcharge (IHS) bezahlen – eine Vorauszahlung bei der Visa-Beantragung, die aktuell rund 1.035 Pfund pro Person und Jahr beträgt. Damit erhältst du denselben Zugang zum NHS wie britische Staatsangehörige: Hausarzt, Facharzt, Krankenhausbehandlung, Notfallversorgung. Die Qualität des NHS ist regional unterschiedlich und leidet in vielen Bereichen unter Wartezeiten.
Wer kürzere Wartezeiten, freie Arztwahl oder spezifische Behandlungen bevorzugt, ergänzt die NHS-Abdeckung mit einer privaten Zusatz- oder Vollversicherung. Anbieter wie Bupa, AXA Health oder Cigna sind in Großbritannien etabliert. Die Kosten variieren stark nach Alter, Vorerkrankungen und Umfang: Eine Basispolice für einen gesunden Erwachsenen mittleren Alters liegt grob zwischen 80 und 200 Pfund monatlich, umfassendere Pakete für Familien oder ältere Versicherte deutlich darüber.
Lebenshaltungskosten
South England und die Home Counties gehören zu den teuersten Wohnregionen Europas – das muss man klar benennen. London-nahe Gebiete wie Surrey, Berkshire und Hertfordshire liegen bei Miet- und Kaufpreisen auf einem Niveau, das selbst München oder Frankfurt übertrifft. Ein Einfamilienhaus mit vier Schlafzimmern in Guildford oder St Albans kostet im Kauf leicht 900.000 bis über eine Million Pfund.
Die Mieten spiegeln das wider: Für ein gut ausgestattetes Dreizimmer-Haus oder eine großzügige Wohnung in Pendlernähe zu London muss man in der Regel mit 1.800 bis 3.000 Pfund monatlich rechnen. Günstigere Teilregionen wie Essex oder Teile von Kent bieten mehr Spielraum bei vergleichbarer Anbindung.
Die allgemeinen Lebenshaltungskosten – Lebensmittel, Energie, Mobilität – liegen ebenfalls über dem deutschen Niveau, aber die Unterschiede sind weniger extrem als bei den Wohnkosten. Energie ist teurer als in Deutschland, Lebensmittel im Supermarkt in vergleichbarer Lage. Der öffentliche Nahverkehr ist je nach Region gut ausgebaut, aber kostspielig: Eine Jahresbahnkarte von Guildford nach London kostet über 4.000 Pfund. Wer mit realistischen Zahlen planen will, sollte South England konservativ mit 30 bis 50 Prozent höheren Lebenshaltungskosten gegenüber einer deutschen Großstadt wie Hamburg oder Köln kalkulieren.
Deutschsprachige Community
Die deutschsprachige Präsenz in South England ist spürbar, aber stärker in bestimmten Knotenpunkten konzentriert als flächendeckend verteilt. London ist naturgemäß das Gravitationszentrum – die größte deutschsprachige Community Großbritanniens lebt in der Hauptstadt, und viele Pendler aus den Home Counties sind Teil dieses Netzwerks.
In der Region selbst gibt es vor allem in Surrey, Berkshire und Kent nennenswerte deutschsprachige Gemeinschaften, oft gebunden an Firmensitze internationaler Unternehmen oder Militärbasen (BAOR-Veteranen und ihre Familien haben historisch in dieser Region gesiedelt). Deutschsprachige Elterngruppen, Stammtische und informelle Netzwerke existieren in vielen größeren Ortschaften, auch wenn sie weniger institutionalisiert sind als in London selbst.
Deutschsprachige Schulen, Samstagsschulen und Kulturvereine sind primär in London verortet – für Familien in den Home Counties ist das oft ein Fahrtziel am Wochenende. Online-Gruppen auf Facebook und WhatsApp haben in den vergangenen Jahren jedoch deutlich dazu beigetragen, auch in der Fläche Kontakte zu knüpfen. Wer aktiv sucht, findet Anschluss – wer passiv wartet, wird in dieser Region weniger Glück haben als in einer Großstadt.
Autorenkommentar
Die Region verkauft sich nach außen als grüne Idylle, ist aber in vielen Teilen ein hart umkämpfter Wohnmarkt mit echten Einstiegshürden. Das gilt es nüchtern einzukalkulieren – wer die finanziellen Mittel mitbringt, findet hier eine Lebensqualität, die in Europa kaum zu replizieren ist. Wer an der Budgetgrenze operiert, hat in anderen Regionen Großbritanniens oder Europas realistischere Alternativen.
Der Brexit hat die Situation für Deutsche grundlegend verändert. Die Niederlassungsfreiheit, die viele unserer Vorläufer-Auswanderer noch genossen haben, existiert nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass South England unerreichbar geworden wäre – aber es bedeutet, dass du mit mehr Planungsaufwand, rechtlicher Vorbereitung und einem klaren Einkommensnachweis an den Start gehst. Wer das ernst nimmt und nicht auf schnelle Entscheidungen setzt, hat gute Chancen auf ein erfülltes Leben in einer der abwechslungsreichsten Regionen Europas.
Jan Harmening, Expat seit 2005
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