Ligurien: Auswandern an die italienische Riviera

Ligurien ist der schmale, geschwungene Küstenstreifen zwischen den französischen Alpen und der Toskana – und für viele Auswanderer eine Art Geheimtipp, der gar keiner mehr ist. Du kennst wahrscheinlich Bilder der Cinque Terre: bunte Häuser, die sich an Steilhänge klammern, Weinterrassen über dem Meer, schmale Gassen, die direkt ins Wasser zu führen scheinen. Was viele nicht wissen: Diese Postkartenkulisse ist nur ein kleiner Ausschnitt einer Region, die von mondänen Badeorten wie San Remo bis zu authentischen Fischerdörfern eine enorme Bandbreite an Lebensstilen bietet.

Das berühmte Portofino, Italien
Das berühmte Portofino

Die Stärken Liguriens liegen auf der Hand. Da ist zunächst das Mikroklima – durch die schützenden Apenninausläufer im Rücken ist es hier milder als anderswo in Norditalien, mit Palmen und Zitronenbäumen, die auch im Winter grün bleiben. Dazu kommt die Nähe zu Frankreich (Nizza ist von San Remo aus in 40 Minuten erreichbar) und zu den Wirtschaftszentren Mailand und Turin, die beide in unter zwei Stunden mit dem Auto oder Zug zu erreichen sind. Wer von Deutschland oder Österreich aus auswandert, profitiert außerdem von der vergleichsweise kurzen Anreise – mit dem Auto sind es von München aus rund sieben, von Wien aus etwa neun Stunden.

Ligurien ist aber kein Ort für jeden. Die Region ist eng, bergig und teilweise schwer erschlossen, viele Orte haben kaum Platz für klassische Einfamilienhäuser mit Garten, und die Immobilienpreise an den begehrtesten Lagen gehören zu den höchsten in Italien. Dieser Artikel zeigt dir, welche Teilregionen für wen geeignet sind, wie es um Visum, Steuern, Krankenversicherung und Lebenshaltungskosten steht und wie stark die deutschsprachige Community vor Ort vertreten ist.

Die wichtigsten Teilregionen Liguriens

Cinque Terre (Riomaggiore, Vernazza, Monterosso, Corniglia, Manarola)

Die Cinque Terre sind das touristische Aushängeschild der Region und UNESCO-Weltkulturerbe. Die fünf Dörfer liegen wie aufgereiht an einer Steilküste, verbunden durch Wanderwege, eine Bahnlinie und im Sommer durch Boote. Die Atmosphäre ist im Sommer dicht an Overtourism – Tagesausflügler fluten die engen Gassen –, im Winter dagegen fast verschlafen und sehr ruhig. Autos sind in den Ortskernen praktisch nicht existent, was den Charme ausmacht, aber auch bedeutet, dass du dein Leben stark auf Bahn und Fußwege umstellen musst.

Für wen geeignet: Romantiker und Naturliebhaber ohne Auto-Abhängigkeit, die mit touristischem Trubel im Sommer leben können.

Besonderheit: Eines der restriktivsten Bebauungsgebiete Italiens – Wohnraum ist extrem knapp und entsprechend teuer.

San Remo

San Remo ist das mondäne Zentrum der Riviera dei Fiori, bekannt durch das jährliche Sanremo-Musikfestival und sein Casino im Jugendstil. Die Stadt hat mit rund 53.000 Einwohnern echte urbane Infrastruktur: Supermärkte, Ärzte, Schulen, ein Krankenhaus und einen belebten Hafen mit Yachten. Die Promenade entlang des Meeres ist gesäumt von Palmen, dahinter erstreckt sich die Altstadt La Pigna mit ihren verschachtelten Gassen.

Für wen geeignet: Wer urbane Annehmlichkeiten mit Mittelmeerflair verbinden will, auch Berufstätige mit Bedarf an guter Infrastruktur.

Besonderheit: Großer russischsprachiger und internationaler Bevölkerungsanteil seit dem 19. Jahrhundert – San Remo war schon immer ein Ort für Zugezogene.

Bordighera

Nur wenige Kilometer von San Remo entfernt, gilt Bordighera als ruhigerer, gediegener Nachbar. Die Stadt war im 19. Jahrhundert ein beliebter Rückzugsort britischer Auswanderer, was sich bis heute in der Architektur und einer gewissen Anglophilie zeigt. Die Palmenpromenade Lungomare Argentina gehört zu den schönsten der ligurischen Küste.

Für wen geeignet: Rentner und Ruhesuchende, die dennoch Anschluss an eine internationale Gemeinschaft schätzen.

Besonderheit: Historisch gewachsene britische Community mit eigener anglikanischer Kirche – ein Hinweis darauf, wie lange Ausländer hier schon heimisch werden.

Imperia

Imperia ist die Provinzhauptstadt und ein eher unterschätztes Auswandererziel. Die Stadt entstand 1923 aus dem Zusammenschluss von Oneglia und Porto Maurizio und hat dadurch zwei sehr unterschiedliche Stadtkerne – einen geschäftigen Hafenbereich und ein verträumtes Altstadtviertel auf dem Hügel. Die Olivenölproduktion ist hier zentral für die lokale Wirtschaft.

Für wen geeignet: Familien und Berufstätige, die bezahlbareren Wohnraum mit noch echtem italienischem Alltag suchen.

Besonderheit: Deutlich günstigere Immobilienpreise als in San Remo oder den Cinque Terre, bei vergleichbarer Küstenlage.

Levanto

Levanto liegt direkt nördlich der Cinque Terre, hat aber einen eigenen, entspannteren Charakter – flacher, mit einem langen Sandstrand statt schroffer Klippen, und beliebt bei Surfern. Die Stadt ist gut an die Bahnlinie angebunden, ohne den Massentourismus der Cinque Terre in vollem Ausmaß zu spüren.

Für wen geeignet: Familien mit Kindern, die einen richtigen Strand und etwas mehr Platz wollen.

Besonderheit: Einer der wenigen Orte der Region mit nennenswertem Sandstrand statt Kieselstrand oder Felsküste.

Portofino und das Tigullio (Santa Margherita Ligure, Rapallo)

Portofino selbst ist exklusiv und winzig – ein Ort für sehr betuchte Käufer, kaum für reguläre Auswanderer. Interessanter ist die umliegende Bucht von Tigullio mit Santa Margherita Ligure und Rapallo. Beide Orte bieten mediterranes Flair mit deutlich besserer Infrastruktur als die Cinque Terre und kürzeren Wegen nach Genua.

Für wen geeignet: Gutverdienende Berufstätige und Selbstständige, die Genua-Nähe mit Küstenleben kombinieren wollen.

Besonderheit: Direkte Zuganbindung nach Genua in rund 30 Minuten – attraktiv für Pendler.

Sestri Levante und die Riviera di Levante

Sestri Levante liegt zwischen zwei Buchten, der „Bucht der Märchen“ und der „Bucht des Schweigens“, und hat einen ruhigeren, weniger glamourösen Charakter als das Tigullio. Die Stadt ist überschaubar, gut versorgt und beliebt bei Familien.

Für wen geeignet: Familien und Rentner, die ein authentisches Küstenstädtchen ohne Massentourismus suchen.

Besonderheit: Zwei komplett unterschiedliche Strandbuchten in Gehweite voneinander – eine windgeschützt, eine offener.

Genua (als Ankerpunkt)

Genua selbst gehört zwar nicht zu den klassischen Auswanderer-Sehnsuchtsorten, ist aber als wirtschaftliches und logistisches Zentrum Liguriens unumgänglich. Hier sitzen die wichtigsten Behörden, der internationale Flughafen, große Krankenhäuser und eine vielfältige Stadtkultur mit einer der größten mittelalterlichen Altstädte Europas.

Für wen geeignet: Berufstätige und Selbstständige, die einen urbanen Lebensmittelpunkt mit kurzen Wegen zur Küste suchen.

Besonderheit: Deutlich günstigeres Preisniveau als die Tourismusorte, bei vollem Stadtangebot.

Klima & Naturrisiken

Ligurien profitiert von einem ausgesprochen milden Mittelmeerklima. Die Winter sind mild mit Temperaturen meist zwischen 8 und 14 Grad, Schnee ist an der Küste eine Seltenheit. Die Sommer sind warm bis heiß, mit Temperaturen häufig über 28 Grad, gemildert durch die Meeresnähe. Der Frühling und Herbst gelten als ideale Reise- und Ankunftszeiten mit angenehmen Temperaturen und weniger Touristen.

Das größte Naturrisiko der Region ist Starkregen mit Folge von Sturzfluten und Erdrutschen. Die steilen Hänge hinter der Küste sind anfällig dafür, besonders im Herbst, wenn intensive Regenfälle („Nubifragi“) auftreten können. Die Cinque Terre wurden 2011 von schweren Überschwemmungen getroffen, die mehrere Todesopfer forderten und zeigten, wie verletzlich die Region bei Extremwetter ist. Erdbeben sind in Ligurien im Vergleich zu Mittelitalien selten und meist schwach, ein nennenswertes Risiko besteht aber dennoch, da die Region in einer seismisch aktiven Zone liegt. Waldbrände im Sommer sind ein weiteres Thema, besonders in trockenen Jahren mit Wind von der See.

Visum & Aufenthalt

Als deutscher oder österreichischer Staatsangehöriger profitierst du von der EU-Personenfreizügigkeit. Für Aufenthalte bis zu drei Monaten brauchst du gar nichts – kein Visum, keine Anmeldung. Willst du länger bleiben, musst du dich innerhalb von 20 Tagen nach Ankunft beim zuständigen Gemeindeamt (Anagrafe) anmelden und einen Wohnsitz nachweisen.

Für einen dauerhaften Aufenthalt brauchst du entweder ein laufendes Einkommen (Anstellung, Selbstständigkeit) oder ausreichende eigene finanzielle Mittel, etwa als Rentner. Italien bietet keine speziellen „Goldenen Visa“ für EU-Bürger, da diese ohnehin uneingeschränktes Aufenthaltsrecht haben. Nach fünf Jahren durchgehendem, rechtmäßigem Aufenthalt kannst du die unbefristete Aufenthaltskarte (Carta di soggiorno permanente) beantragen, die dir denselben Status wie italienischen Staatsbürgern in vielen Bereichen sichert.

Für Rentner ist besonders die Region Süditalien durch die 7-Prozent-Pauschalsteuer interessant – diese gilt in Ligurien allerdings nicht, da sie auf bestimmte Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern in Süditalien beschränkt ist. Wer in Ligurien seinen Ruhestand verbringen will, zahlt also reguläre italienische Steuersätze, profitiert dafür aber von Klima, Infrastruktur und Nähe zu Mitteleuropa.

Steuern

Italien hat mit Deutschland und Österreich Doppelbesteuerungsabkommen, die eine doppelte Besteuerung von Einkommen grundsätzlich vermeiden. Sobald du deinen gewöhnlichen Aufenthalt nach Italien verlegst (in der Regel ab 183 Tagen pro Jahr), giltst du steuerlich als ansässig und musst dein Welteinkommen in Italien versteuern.

Das italienische Einkommensteuersystem ist progressiv gestaffelt und liegt bei höheren Einkommen mit bis zu 43 Prozent (zuzüglich regionaler und kommunaler Zuschläge) tendenziell über dem deutschen Spitzensteuersatz. Ein interessantes Sonderprogramm ist das „Regime Impatriati“ für Personen, die ihren Wohnsitz nach Italien verlegen und dort arbeiten – es ermöglicht unter bestimmten Voraussetzungen eine erhebliche Reduzierung der Steuerbemessungsgrundlage für mehrere Jahre, allerdings mit zunehmend strengeren Bedingungen seit den letzten Reformen. Für Selbstständige gibt es zudem die „Regime forfettario“ genannte Pauschalbesteuerung für kleine Unternehmen mit niedrigem Steuersatz, sofern bestimmte Umsatzgrenzen nicht überschritten werden.

Da das italienische Steuersystem komplex und reformfreudig ist, solltest du dich vor einem endgültigen Umzug unbedingt von einem auf deutsch-italienisches Steuerrecht spezialisierten Berater begleiten lassen – dieser Artikel kann nur eine erste Orientierung geben.

Krankenversicherung

Die deutsche gesetzliche Krankenversicherung gilt nicht automatisch im Ausland, sobald du deinen Wohnsitz dauerhaft nach Italien verlegst. Als EU-Bürger mit Wohnsitz in Italien hast du grundsätzlich Zugang zum italienischen staatlichen Gesundheitssystem (Servizio Sanitario Nazionale, SSN), musst dich dafür aber bei der lokalen Gesundheitsbehörde (ASL) registrieren.

Berufstätige und Selbstständige zahlen automatisch über ihre Sozialabgaben in das System ein. Rentner aus Deutschland oder Österreich können sich über das Formular S1 ins italienische System einschreiben lassen, wodurch die Kosten zwischen den Sozialversicherungsträgern verrechnet werden – das ist in der Regel die günstigste Lösung. Wer nicht über S1 abgesichert ist, kann sich freiwillig gegen eine jährliche Pauschale ins SSN einschreiben, die je nach Einkommen variiert.

Das öffentliche Gesundheitssystem in Ligurien ist insgesamt gut, mit Krankenhäusern in Genua, San Remo, Imperia und Sestri Levante. Wartezeiten für nicht-akute Behandlungen können allerdings länger sein als in Deutschland. Viele Expats schließen daher zusätzlich eine private Zusatzversicherung ab, die schnelleren Zugang zu Fachärzten und Privatkliniken ermöglicht. Die Kosten dafür liegen je nach Alter und Deckungsumfang grob zwischen 50 und 200 Euro im Monat.

Lebenshaltungskosten

Die Lebenshaltungskosten in Ligurien schwanken stark je nach Lage. Die Cinque Terre und San Remo gehören zu den teuersten Wohnlagen Italiens – eine kleine Wohnung in den Cinque-Terre-Dörfern kann durchaus 4.000 bis 6.000 Euro pro Quadratmeter kosten, vergleichbar mit Lagen in München oder Hamburg. San Remo bewegt sich ähnlich, besonders in Strandnähe oder mit Meerblick.

Deutlich günstiger sind Imperia, Sestri Levante und vor allem das Hinterland abseits der Küste. Hier kannst du mit Quadratmeterpreisen rechnen, die eher an mittelgroße deutsche Städte wie Leipzig oder Dresden erinnern, teils sogar darunter liegen. Genua selbst ist trotz seiner Größe vergleichsweise günstig, da die Stadt touristisch weniger überlaufen ist als die Küstenorte.

Bei den laufenden Kosten liegt Italien insgesamt meist unter deutschem Niveau, vor allem bei Lebensmitteln, Restaurantbesuchen und lokalen Produkten wie Olivenöl und Wein. Die größten Kostentreiber in Ligurien sind die Miete oder der Immobilienkauf in den touristischen Hotspots sowie Energiekosten, die in Italien tendenziell höher liegen als in Deutschland. Auto- und Treibstoffkosten schlagen ebenfalls spürbar zu Buche, besonders wenn du in den engen Küstenorten überhaupt einen Parkplatz findest.

Deutschsprachige Community

Im Vergleich zu Regionen wie der Toskana oder dem Gardasee ist die deutschsprachige Community in Ligurien kleiner und weniger institutionalisiert. Es gibt keine großen deutschen Vereine oder Schulen wie etwa am Gardasee, dafür aber eine wachsende Zahl deutscher und österreichischer Auswanderer, die sich vor allem in San Remo, Bordighera und entlang der Riviera dei Fiori konzentrieren – auch wegen der Nähe zu Frankreich und der dort historisch gewachsenen internationalen Atmosphäre.

Online-Foren und Facebook-Gruppen für deutschsprachige Auswanderer in Ligurien sind eine gute erste Anlaufstelle für Kontakte und praktische Tipps. Deutschsprachige Dienstleister wie Steuerberater, Immobilienmakler oder Ärzte findest du am ehesten in größeren Orten wie Genua oder San Remo, oft über Empfehlungen aus der Community. Wer auf ein dichtes deutsches Vereinsleben mit Stammtischen und Festen wie in anderen Teilen Italiens hofft, wird in Ligurien eher enttäuscht – dafür ist die Integration in die lokale italienische Gesellschaft hier oft schneller und unausweichlicher, was viele Auswanderer im Rückblick als Vorteil empfinden.

Autorenkommentar

Ligurien war für mich immer der Gegenentwurf zu den überlaufenen Auswandererzielen Italiens. Während alle über die Toskana oder den Gardasee sprechen, liegt hier eine Region, die geografisch enger, steiler und in vielerlei Hinsicht anspruchsvoller ist – aber genau das macht für mich ihren Reiz aus. Wenn du bereit bist, dein Leben um Bahnlinien statt um ein Auto herum zu organisieren und mit wenig Platz auszukommen, bekommst du dafür eine Authentizität, die in den ausgetretenen Pfaden längst verloren gegangen ist.

Was ich an Ligurien besonders schätze, ist die Ehrlichkeit der Wahl, die du hier triffst. Es gibt kein bequemes Drumherum aus großer deutscher Community oder eingespielten Auswandererstrukturen – du landest direkt im italienischen Alltag, mit allen Hürden und allem Charme, der dazugehört. Für manche ist das zu viel, für andere genau der Schritt, den sie gesucht haben. Schau dir die Region in Ruhe an, bevor du dich festlegst, und denke besonders über die Praktikabilität deines Wohnorts im Alltag nach, nicht nur über die Aussicht vom Balkon.

Jan Harmening, Expat seit 2005 Über mich

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