Den Haag ist nicht Amsterdam – und das ist einer seiner größten Vorteile. Die Residenzstadt der niederländischen Regierung verbindet politisches Gewicht mit urbanem Komfort, Küstennähe mit internationalem Flair und einer Lebensqualität, die in den Niederlanden ihresgleichen sucht. Wer aus Deutschland auswandert und sich eine gut organisierte, weltoffene Stadt wünscht, ohne im Touristenstrom unterzugehen, findet in Den Haag eine ernsthafte Alternative zu den bekannteren Metropolen.

Die Stadt beherbergt über 180 Botschaften und internationale Organisationen – darunter den Internationalen Strafgerichtshof und den Internationalen Gerichtshof –, was Den Haag zu einer der internationalsten Städte Europas macht. Das zieht nicht nur Diplomaten und Juristen an, sondern auch Expats aus aller Welt, die eine funktionierende multilinguale Infrastruktur schätzen: englischsprachige Schulen, internationale Arztpraxen, gut vernetzte Expat-Communities und ein Alltag, in dem man auch ohne perfektes Niederländisch zurechtkommt. Für Rentner, Familien, Selbstständige und Berufstätige bietet die Stadt gleichermaßen attraktive Rahmenbedingungen.
Dieser Artikel schlüsselt Den Haag in seine wichtigsten Teilregionen auf und gibt dir einen praktischen Überblick über Klima, Visum, Steuern, Krankenversicherung, Lebenshaltungskosten und die deutschsprachige Community vor Ort – alles, was du für eine fundierte Entscheidung brauchst.
Die wichtigsten Teilregionen in Den Haag
Centrum (Innenstadt)
Das Zentrum von Den Haag vereint Einkaufsstraßen, historische Gebäude, Restaurants und die wichtigsten Behörden. Der Binnenhof als politisches Herz der Niederlande liegt hier, ebenso wie das Mauritshuis-Museum und die Großmärkte. Die Infrastruktur ist exzellent: Straßenbahnen, Supermärkte, Ärzte, Banken und internationale Restaurants sind fußläufig erreichbar. Die Wohnungen sind meist Altbau-Appartements oder renovierte Stadthäuser, die Mietpreise entsprechend hoch.
Für wen geeignet: Berufstätige, Selbstständige und alle, die kurze Wege und urbane Dichte bevorzugen.
Besonderheit: Kaum Parkplätze, dafür hervorragende ÖPNV-Anbindung – wer ohne Auto leben möchte, ist hier am besten aufgehoben.
Scheveningen
Scheveningen ist das Seebad Den Haags und einer der beliebtesten Stadtteile für Expats mit Hang zum Meer. Die Nordseeküste ist direkt vor der Tür, die Promenade gepflegt, der Strand weitläufig. Das Viertel hat seinen eigenen Charakter: touristisch nahe der Küste, ruhiger in den Wohnquartieren dahinter. Das Angebot an Restaurants, Cafés und Sportmöglichkeiten ist groß.
Für wen geeignet: Rentner, Familien und alle, die Natur und Stadtleben verbinden wollen.
Besonderheit: In den Sommermonaten deutlich belebter und lauter als der Rest der Stadt – wer Ruhe sucht, sollte auf die Nebenstraßen ausweichen.
Statenkwartier
Statenkwartier gilt als eines der begehrtesten Wohnquartiere der Stadt. Breite Straßen, elegante Gründerzeitbauten, Boutiquen und ruhige Wohnviertel prägen das Bild. Die Nähe zu Botschaften und internationalen Organisationen macht den Stadtteil besonders bei Diplomaten und gut verdienenden Expats beliebt. Das Preisniveau ist entsprechend hoch, die Lebensqualität aber auch.
Für wen geeignet: Gut situierte Berufstätige, Expats im internationalen Umfeld, kinderlose Paare und gutverdienende Selbstständige.
Besonderheit: Hohe Dichte an gehobenen Restaurants und kleinen Feinkostläden – Alltag mit Stil, aber zu Preisen, die es in sich haben.
Benoordenhout
Benoordenhout ist der grüne, großbürgerliche Osten Den Haags – ein ruhiges Villenquartier mit altem Baumbestand, weitläufigen Gärten und einer familiären Atmosphäre. Hier wohnen viele langjährige Expat-Familien, Diplomaten und wohlhabende Niederländer. Internationale Schulen wie die British School of The Hague oder die American School of The Hague sind von hier gut erreichbar.
Für wen geeignet: Familien mit Kindern, die Wert auf Ruhe, Grün und gute Schulen legen.
Besonderheit: Einer der wenigen Stadtteile, in dem größere Häuser mit echten Gärten zur Miete oder zum Kauf verfügbar sind – selten und entsprechend gefragt.
Laak und Spoorwijk
Laak und das benachbarte Spoorwijk gehören zu den günstigeren Stadtteilen Den Haags, geprägt von einer multikulturellen Bevölkerung und einem lebhaften Straßenbild. Die Mietpreise liegen spürbar unter dem städtischen Durchschnitt, die Infrastruktur ist solide. In den letzten Jahren hat eine sukzessive Aufwertung begonnen, ohne dass die Preise bislang explodiert wären.
Für wen geeignet: Budgetbewusste Auswanderer, junge Berufstätige und alle, die einen authentischen, wenig touristischen Alltag bevorzugen.
Besonderheit: Gute Anbindung ans Zentrum per Straßenbahn bei deutlich niedrigeren Mietkosten – der klassische Kompromiss aus Lage und Preis.
Loosduinen
Loosduinen liegt im Südwesten der Stadt und hat einen dörflichen Charakter, der in dieser Größenordnung überrascht. Ruhige Wohnstraßen, Einfamilienhäuser, Kleingärten und ein entspanntes Tempo machen diesen Stadtteil besonders für Familien und Rentner interessant. Die Anbindung ins Zentrum funktioniert per Straßenbahn gut.
Für wen geeignet: Rentner und Familien, die städtische Nähe mit einem fast ländlichen Wohnumfeld verbinden wollen.
Besonderheit: Deutlich ruhiger und grüner als die innerstädtischen Quartiere – wer den Trubel scheut, aber dennoch in Den Haag wohnen möchte, findet hier eine echte Alternative.
Segbroek
Segbroek ist ein solides, gepflegtes Wohnquartier mit einer gut gemischten Bevölkerung. Die Atmosphäre ist ruhig und familiär, die Infrastruktur mit Schulen, Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten vollständig. Die Mietpreise liegen im mittleren Bereich. Viele Familien und Paare, die nicht im teuren Statenkwartier wohnen wollen, landen hier.
Für wen geeignet: Familien und Paare, die ein ruhiges, gut strukturiertes Wohnumfeld zu moderaten Preisen suchen.
Besonderheit: Einer der ausgewogensten Stadtteile der Stadt – keine Extreme nach oben oder unten, dafür verlässlich hohe Alltagsqualität.
Escamp
Escamp ist der bevölkerungsreichste Stadtbezirk Den Haags und besteht aus mehreren Einzelquartieren mit unterschiedlichem Charakter. Das Angebot an bezahlbarem Wohnraum ist größer als in anderen Stadtteilen, die Sozialstruktur gemischter. Für Neuankömmlinge, die erst ankommen und sich orientieren wollen, kann Escamp ein sinnvoller Einstieg sein.
Für wen geeignet: Berufstätige mit begrenztem Budget, Neuankömmlinge in der Orientierungsphase.
Besonderheit: Große Bandbreite innerhalb des Bezirks – vor der Entscheidung für eine Wohnung lohnt es sich, die einzelnen Viertel genau zu unterscheiden.
Klima & Naturrisiken
Den Haag hat ein typisch nordwesteuropäisches Seeklima: gemäßigt, feucht, windig. Die Winter sind mild, selten unter null Grad auf Dauerfrost-Niveau, die Sommer angenehm warm mit gelegentlichen Hitzewellen, die in den letzten Jahren häufiger und intensiver geworden sind. Regen ist das ganze Jahr über möglich – wer aus dem Rheinland kommt, kennt das Prinzip, an der Küste fühlt es sich durch den ständigen Wind aber intensiver an.
Die Sonnenstunden liegen spürbar unter dem deutschen Süden – wer Sonne als wesentlichen Lebensqualitätsfaktor zählt, sollte das einkalkulieren. Die Sommer sind dafür lang hell, die Abende im Juni und Juli bis weit nach 22 Uhr hell.
Naturrisiken sind begrenzt, aber nicht irrelevant. Erdbeben, Hurrikane und Vulkanismus spielen keine Rolle. Überschwemmungen hingegen sind strukturell relevant: Die Niederlande liegen großteils unter dem Meeresspiegel, und obwohl das Küsten- und Deichsystem zu den sichersten der Welt gehört, bleibt Hochwasser ein dauerhaftes Thema in der Regionalplanung. Den Haag selbst ist durch das System gut geschützt, aber wer direkt in Küstennähe oder in tiefer gelegenen Stadtteilen wohnt, sollte sich über die lokale Risikolage informieren.
Visum & Aufenthalt
Als deutsche Staatsangehörige bist du EU-Bürger – das bedeutet, du hast das Recht auf Freizügigkeit innerhalb der EU und brauchst für den Umzug in die Niederlande kein Visum. Du kannst einreisen, dich niederlassen und dort leben und arbeiten, ohne eine spezielle Genehmigung zu beantragen.
Was du aber tun musst: dich nach dem Umzug bei der Gemeinde (Gemeente) anmelden. Den Haag gehört zu den größten Gemeinden der Niederlande und hat ein eigenes Expat Center, das speziell auf internationale Zuzügler ausgerichtet ist – einschließlich deutschsprachiger Unterstützung. Nach der Anmeldung erhältst du ein BSN (Burgerservicenummer), die niederländische Sozialversicherungsnummer, die du für nahezu alles brauchst: Bankkonto, Krankenversicherung, Steuern.
Für Rentner gelten dieselben EU-Freizügigkeitsrechte. Ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht nach fünf Jahren ununterbrochenen Wohnsitzes in den Niederlanden ist möglich und nach aktuellem EU-Recht gesichert. Drittstaatsangehörige, die etwa mit deutschen Partnern ziehen, benötigen hingegen eine entsprechende Aufenthaltsgenehmigung – hierfür ist die IND (Immigratie- en Naturalisatiedienst) zuständig.
Steuern
Die Niederlande haben mit Deutschland ein Doppelbesteuerungsabkommen (DBA), das verhindert, dass du mit denselben Einkünften in beiden Ländern vollständig besteuert wirst. Entscheidend ist der steuerliche Wohnsitz: Wer dauerhaft in Den Haag lebt und dort seinen Lebensmittelpunkt hat, wird in der Regel in den Niederlanden steuerpflichtig.
Das niederländische Einkommensteuerrecht ist in sogenannte „Boxen“ unterteilt: Box 1 erfasst Arbeitseinkommen und wird progressiv besteuert (bis zu 49,5 %), Box 2 Einkünfte aus wesentlichen Beteiligungen und Box 3 Kapitalerträge auf Basis eines fiktiven Renditesatzes auf das Vermögen – nicht auf tatsächliche Gewinne. Gerade letzteres kann für Auswanderer mit Vermögen oder Immobilienbesitz in Deutschland relevant werden.
Besonders interessant: Hochqualifizierte Arbeitnehmer, die aus dem Ausland in die Niederlande ziehen, können unter bestimmten Voraussetzungen die sogenannte 30-Prozent-Regelung nutzen. Sie erlaubt es, 30 % des Gehalts steuerfrei zu erhalten – für eine begrenzte Zeit. Diese Regelung gilt nicht automatisch, sondern muss beantragt werden und ist an Bedingungen geknüpft. Für Selbstständige und Rentner greift sie in der Regel nicht.
Für eine individuelle steuerliche Einschätzung – gerade bei Renten aus Deutschland, Kapitaleinkünften oder gemischten Einkommensquellen – ist ein Steuerberater mit Kenntnissen im deutsch-niederländischen Steuerrecht unbedingt empfehlenswert.
Krankenversicherung
Wer in den Niederlanden wohnt und arbeitet, ist grundsätzlich verpflichtet, eine niederländische Krankenversicherung (Zorgverzekering) abzuschließen. Eine deutsche gesetzliche Krankenversicherung deckt den niederländischen Alltag nicht ab – du wirst nach dem Umzug bei deiner deutschen Kasse abgemeldet und musst dich in den Niederlanden neu versichern.
Das niederländische System funktioniert ähnlich dem deutschen: Es gibt einen gesetzlichen Grundschutz (basisverzekering), den du bei privaten Versicherern abschließt, und darüber hinaus freiwillige Zusatzversicherungen (aanvullende verzekering). Der Staat legt fest, was im Basispaket enthalten sein muss; bei den Prämien gibt es Unterschiede zwischen den Anbietern.
Die monatlichen Kosten für die Basisversicherung liegen aktuell grob zwischen 130 und 170 Euro pro Person, je nach Anbieter und gewähltem Eigenanteil (eigen risico). Wer über ein geringes Einkommen verfügt, kann einen staatlichen Zuschuss (zorgtoeslag) beantragen. Rentner aus Deutschland, die eine deutsche Rente beziehen, sollten vorab prüfen, ob sie unter die besonderen Regelungen für EU-Rentner fallen – in manchen Fällen bleibt die Versicherungspflicht in Deutschland bestehen, was zu Überschneidungen führen kann.
Lebenshaltungskosten
Den Haag ist günstiger als Amsterdam, aber teurer als die meisten deutschen Mittelstädte. Wohnen ist der größte Kostenfaktor: Mietpreise für eine 2-Zimmer-Wohnung in zentraler Lage beginnen bei etwa 1.400 bis 1.700 Euro kalt, in gefragten Vierteln wie Statenkwartier oder Benoordenhout deutlich darüber. Günstigere Stadtteile wie Escamp oder Laak bieten Wohnungen ab etwa 1.000 bis 1.200 Euro, allerdings mit entsprechenden Abstrichen bei Lage und Ausstattung.
Lebensmittel und Alltagseinkäufe liegen auf deutschem Niveau oder leicht darüber. Niederländische Supermärkte wie Albert Heijn oder Jumbo sind gut sortiert; Discounter wie Lidl und Aldi sind ebenfalls vertreten. Gastronomie ist in Den Haag deutlich teurer als in deutschen Städten vergleichbarer Größe – ein einfaches Mittagessen in einem Restaurant liegt bei 15 bis 20 Euro, ein Abendessen für zwei mit Getränken schnell bei 60 bis 80 Euro.
Mobilität ist vergleichsweise günstig, wenn man auf das ÖPNV-Netz setzt. Den Haag hat ein gut ausgebautes Straßenbahn- und Busnetz; ein Monatsticket kostet etwa 100 Euro. Das Auto in der Innenstadt zu halten ist teuer: Parkgebühren und Parklizenzen summieren sich schnell. Für Familien mit Kindern kommen internationale Schulgebühren als erheblicher Zusatzposten hinzu – je nach Schule zwischen 10.000 und 25.000 Euro pro Jahr.
Als grobe Orientierung: Eine vierköpfige Familie ohne Schulgebühren kommt in Den Haag in einem mittleren Stadtquartier mit 3.500 bis 4.500 Euro monatlich aus. Ein Rentner-Paar kann – je nach Wohnanspruch – mit 2.500 bis 3.500 Euro monatlich rechnen.
Deutschsprachige Community
Die deutschsprachige Community in Den Haag ist vergleichsweise gut sichtbar – was nicht zuletzt an der hohen Dichte internationaler Organisationen liegt, die viele deutsche Juristen, Diplomaten, Wissenschaftler und Verwaltungsangestellte in die Stadt zieht. Der Schwerpunkt liegt in den gehobenen Stadtteilen rund um das Statenkwartier und Benoordenhout.
Es gibt deutschsprachige Stammtische, die sich regelmäßig treffen, sowie informelle Netzwerke über Facebook-Gruppen und Expat-Plattformen. Die Deutsche Botschaft in Den Haag unterhält eine eigene Präsenz, und auch die deutschsprachige Schule (Deutsche Internationale Schule Den Haag) ist ein wichtiger Anlaufpunkt für Familien, die ihre Kinder auf Deutsch unterrichten lassen möchten. Deutschsprachige Ärzte, Anwälte und Steuerberater sind in der Stadt vorhanden – es lohnt sich, die jeweiligen Expat-Netzwerke nach Empfehlungen zu fragen.
Im Vergleich zu Amsterdam ist die Community kleiner, aber oft enger vernetzt. Wer aktiv Kontakt sucht, findet ihn – wer passiv darauf wartet, angesprochen zu werden, wird es schwerer haben.
Autorenkommentar
Den Haag wird in Gesprächen über niederländische Auswanderungsziele oft als zweite Wahl nach Amsterdam gehandelt – und das zu Unrecht. Was die Stadt bietet, ist etwas anderes: weniger Hype, mehr Substanz. Ich habe Expat-Städte auf vier Kontinenten kennengelernt, und Den Haag gehört zu den wenigen, in denen der internationale Alltag tatsächlich funktioniert – nicht als Kulisse, sondern als gelebte Realität. Die Kombination aus funktionierender Infrastruktur, echter Küstennähe und einer Stadt, die nicht von Touristen überlaufen ist, ist seltener, als man denkt.
Was ich dir mitgeben will: Unterschätze nicht die Bedeutung des Stadtteils für deine Lebensqualität vor Ort. Den Haag ist keine homogene Stadt – zwischen Benoordenhout und Laak liegen Welten, auch wenn beide in derselben Gemeinde liegen. Nimm dir vor der Entscheidung die Zeit, die Viertel zu Fuß zu erkunden, und sprich mit Menschen, die schon dort leben. Die deutschsprachige Community ist präsent genug, dass das ohne großen Aufwand möglich ist.
Jan Harmening, Expat seit 2005 – Über uns
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