Schlesien gehört zu den Regionen Europas, die von deutschsprachigen Auswanderern bislang kaum auf dem Radar stehen – dabei bietet diese historisch tief verwurzelte Landschaft im Südwesten Polens eine Kombination aus Lebensqualität, günstigen Kosten und kultureller Nähe zu Deutschland, die anderswo schwer zu finden ist. Urbane Zentren wie Breslau (Wrocław) und Kattowitz (Katowice) haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu modernen, dynamischen Städten entwickelt, während ländliche Regionen und die Berglandschaft des Riesengebirges eine attraktive Alternative für alle bieten, die Ruhe und Natur suchen.
Was Schlesien für Auswanderer besonders interessant macht, ist die historische Verbindung zu Deutschland und Österreich. Weite Teile Schlesiens gehörten jahrhundertelang zum Habsburgerreich und später zum Deutschen Reich – diese Geschichte ist bis heute im Stadtbild, in der Architektur und in der lokalen Identität spürbar. Gleichzeitig hat die Region eine lebendige polnische Gegenwartskultur entwickelt, die das Beste beider Welten vereint: zentrale Lage in Europa, moderne Infrastruktur und Lebenshaltungskosten, die deutlich unter dem deutschen Niveau liegen.
Dieser Artikel gibt dir einen vollständigen Überblick über die wichtigsten Teilregionen Schlesiens, beantwortet alle praktischen Fragen zu Visum, Steuern, Krankenversicherung und Lebenshaltungskosten – und hilft dir einzuschätzen, ob und welches Teil Schlesiens zu deiner persönlichen Lebenssituation passt.
Die wichtigsten Teilregionen Schlesiens
Breslau (Wrocław)
Breslau ist die unbestrittene Metropole Schlesiens und nach Warschau, Krakau und Łódź die viertgrößte Stadt Polens. Die Stadt an der Oder ist jung, lebendig und kosmopolitisch – eine Universitätsstadt mit rund 130.000 Studierenden, die das Stadtbild maßgeblich prägt. Das historische Zentrum mit dem berühmten Marktplatz (Rynek) ist eine der schönsten Altstädte Mitteleuropas und wurde im Zweiten Weltkrieg weniger zerstört als viele andere polnische Städte.
Die Infrastruktur ist vollständig auf internationalem Niveau: Internationaler Flughafen mit Direktverbindungen in alle großen deutschen Städte, schnelle Zugverbindungen nach Berlin, Wien und Prag, ein gut ausgebautes ÖPNV-Netz sowie ein breites Angebot an englisch- und deutschsprachigen Ärzten, Schulen und Dienstleistern.
Für wen geeignet: Berufstätige, Selbstständige, Digital Nomads, Familien mit Anspruch an städtisches Leben und internationale Vernetzung.
Besonderheit: Breslau hat eine aktive deutschsprachige Community mit Vereinen, Stammtischen und kulturellen Institutionen – die historische Verbindung zu Deutschland ist hier noch am stärksten greifbar.
Kattowitz (Katowice) und die Metropolregion Oberschlesien
Kattowitz ist das Zentrum der Metropolregion Oberschlesien (Górnośląski Okręg Metropolitalny), einem dicht besiedelten Ballungsraum mit rund 2,5 Millionen Einwohnern. Die Stadt hat ihre industrielle Vergangenheit aktiv umgenutzt: Ehemalige Zechen und Hütten wurden in Kulturzentren, Museen und moderne Bürogebäude verwandelt. Das Internationale Kongresszentrum (MCK) und die Nationalphilharmonie machen Kattowitz heute zu einem überregionalen Kulturzentrum.
Die Metropolregion bietet einen besonders vielfältigen Arbeitsmarkt mit starker Präsenz in Automotive, IT, Logistik und Business Process Outsourcing. Viele internationale Unternehmen haben hier Niederlassungen.
Für wen geeignet: Berufstätige in Industrie, Logistik und Dienstleistungssektor, Familien die urbanes Leben zu niedrigen Kosten suchen.
Besonderheit: Die oberschlesische Identität ist ausgeprägt und eigenständig – viele Einwohner sehen sich weder als Polen noch als Deutsche, sondern als Schlesier. Das schafft ein besonders offenes, tolerantes Klima gegenüber Zugezogenen.
Gleiwitz (Gliwice)
Gleiwitz liegt westlich von Kattowitz und ist Teil der Metropolregion Oberschlesien, hat aber einen deutlich ruhigeren, kleinstädtischeren Charakter. Die Altstadt ist gut erhalten, das Preisniveau liegt nochmals unter dem von Kattowitz, und die Lebensqualität ist hoch. Gleiwitz ist bekannt durch den historischen Sender Gleiwitz – einer der Schauplätze des inszenierten Angriffs, der den Zweiten Weltkrieg auslöste – und hat heute einen modernen Technologiepark mit wachsender IT-Branche.
Für wen geeignet: Berufstätige in der Industrie und im IT-Sektor, Familien die eine ruhigere Alternative zur Großstadt suchen.
Besonderheit: Gleiwitz hat von allen oberschlesischen Städten die stärkste historische Kontinuität mit dem deutschen Stadtbild – viele Gründerzeitgebäude sind original erhalten.
Oppeln (Opole)
Oppeln ist die Hauptstadt der Woiwodschaft Oppeln und gilt als das Zentrum der deutschen Minderheit in Polen. Schätzungsweise 150.000 bis 300.000 Menschen polnischer Staatsangehörigkeit mit deutscher Abstammung leben in der Region – ein in Europa einmaliger Sonderstatus, der sich in zweisprachigen Ortsschildern, deutschen Schulen und einer aktiven Minderheitenpolitik manifestiert.
Die Stadt selbst ist überschaubar (ca. 125.000 Einwohner), aber vollständig versorgt, mit einer attraktiven Altstadt und guter Anbindung sowohl nach Breslau als auch nach Kattowitz. Das Preisniveau ist eines der niedrigsten in Schlesien.
Für wen geeignet: Rentner, Familien mit deutschen Wurzeln, alle die gezielt in einem deutschsprachig geprägten Umfeld leben möchten.
Besonderheit: In der Woiwodschaft Oppeln ist Deutsch offiziell anerkannte Minderheitensprache – in manchen Gemeinden laufen Behördengänge auf Deutsch.
Riesengebirge (Karkonosze) und Hirschberg (Jelenia Góra)
Das Riesengebirge im Südwesten Schlesiens ist die bekannteste Naturregion der ganzen Landschaft. Die Bergkette bildet die natürliche Grenze zu Tschechien und bietet Wandern, Skifahren und eine Naturkulisse, die an Bayern oder Österreich erinnert. Hirschberg (Jelenia Góra) ist das regionale Zentrum – eine mittelgroße Stadt mit vollständiger Grundversorgung, einer intakten Altstadt und direkter Anbindung an das Skigebiet Krummhübel (Karpacz).
Die Region zieht zunehmend Polen aus den Großstädten an, die ins Homeoffice gewechselt sind – das treibt die Immobilienpreise in den attraktivsten Lagen, macht die Region aber auch lebendiger und infrastrukturell besser versorgt als früher.
Für wen geeignet: Naturliebhaber, Rentner, Homeoffice-Berufstätige, alle die Bergluft und niedrigere Kosten kombinieren wollen.
Besonderheit: Das Riesengebirge war bis 1945 eine der beliebtesten Ferienregionen des deutschen Bürgertums – viele Jugendstil- und Gründerzeitvillen sind noch heute erhalten und günstig zu erwerben.
Waldenburg (Wałbrzych) und das Eulengebirge
Waldenburg ist eine Post-Industrie-Stadt, die nach dem Ende des Kohlebergbaus in den 1990er Jahren einen langen wirtschaftlichen Einbruch erlebte, sich aber inzwischen erholt hat. Heute zieht die Stadt mit Schloss Fürstenstein (Książ) – dem drittgrößten Schloss Polens – und dem Glasmuseum Touristen an. Die Immobilienpreise gehören zu den niedrigsten in ganz Polen, was Waldenburg zu einer echten Option für preissensible Auswanderer macht.
Das umgebende Eulengebirge bietet Wanderwege, Ruhe und eine dünn besiedelte Landschaft, die stark an Mittelgebirgsregionen in Deutschland erinnert.
Für wen geeignet: Rentner mit kleinem Budget, Selbstständige die Ruhe brauchen, alle die günstigen Immobilienerwerb in Polen suchen.
Besonderheit: Waldenburg hat die günstigsten Kaufpreise für sanierungsbedürftige Altbauten in ganz Schlesien – für Renovierungsprojekte kaum zu unterbieten.
Ratibor (Racibórz)
Ratibor liegt im äußersten Süden Oberschlesiens, direkt an der Grenze zu Tschechien, und ist eine der ältesten Städte Schlesiens. Die Stadt ist klein und oft übersehen, bietet aber eine intakte mittelalterliche Altstadt, niedrige Lebenshaltungskosten und eine ruhige Lebensqualität. Die Nähe zu Ostrava (Tschechien) und Kattowitz macht sie verkehrlich gut eingebunden.
Für wen geeignet: Rentner, ruhesuchende Paare, alle die kleinstädtisches Polen abseits des Tourismus erleben wollen.
Besonderheit: Ratibor liegt inmitten der historischen deutschen Minderheitensiedlungen – die kulturelle Kontinuität ist besonders spürbar.
Beuthen (Bytom) und Zabrze
Diese beiden oberschlesischen Industriestädte haben durch den Strukturwandel stark gelitten und bieten deshalb extrem günstige Immobilien und Mieten. Gleichzeitig gehören sie zur gut vernetzten Metropolregion Oberschlesien mit vollständiger Infrastruktur. Wer bereit ist, auf urbanen Glanz zu verzichten und dafür die niedrigsten Wohnkosten in Schlesien zu zahlen, findet hier eine realistische Option.
Für wen geeignet: Berufstätige mit geringem Budget, preisbewusste Selbstständige, alle die maximale Ersparnis gegenüber Deutschland suchen.
Besonderheit: In beiden Städten laufen aktive Stadtentwicklungsprojekte – Früheinsteiger profitieren von niedrigen Einstiegspreisen in aufzuwertenden Vierteln.
Klima & Naturrisiken
Schlesien hat ein gemäßigtes Kontinentalklima mit spürbaren Jahreszeiten. Die Sommer sind warm bis heiß – in der Ebene werden in den Monaten Juli und August regelmäßig 30 bis 35 Grad Celsius erreicht, Hitzewellen mit über 38 Grad sind in den vergangenen Jahren häufiger geworden. Der Winter ist kalt und schneereich, besonders im Riesengebirge und im Eulengebirge, wo Schneehöhen von einem Meter und mehr keine Seltenheit sind. In der Ebene liegt die Durchschnittstemperatur im Januar zwischen minus 3 und minus 6 Grad.
Der Frühling und Herbst sind mild und angenehm – besonders der schlesische September gilt als ausgesprochen schön. Niederschläge verteilen sich relativ gleichmäßig über das Jahr mit einem leichten Sommermaximum durch Gewitterregen.
Naturkatastrophen im klassischen Sinn sind in Schlesien selten. Das größte Risiko sind Überschwemmungen: Die Oder und ihre Nebenflüsse traten historisch immer wieder über die Ufer, zuletzt schwer im Jahr 1997 und erneut bei Hochwasserereignissen 2024. Breslau und andere Oderstädte haben seither erheblich in Hochwasserschutz investiert, das Risiko ist aber nicht vollständig eliminiert. Wer in Flussnähe kaufen oder mieten möchte, sollte die Hochwasserkarten der jeweiligen Gemeinde konsultieren. Erdbeben, Hurrikane oder Dürren im existenzbedrohenden Ausmaß sind für Schlesien kein relevantes Thema.
Visum & Aufenthalt
Als EU-Bürger brauchst du für den Aufenthalt in Polen kein Visum. Du hast das Recht auf Freizügigkeit und kannst dich als Deutsche, Österreicher oder Schweizer (für Schweizer gelten als Nicht-EU-Bürger andere Regeln, dazu gleich mehr) unbegrenzt in Polen aufhalten und arbeiten.
Deutsche und Österreicher melden sich nach Ankunft beim zuständigen Einwohnermeldeamt (Urząd Stanu Cywilnego) an und beantragen eine Aufenthaltsbescheinigung (zaświadczenie o zarejestrowaniu pobytu obywatela UE). Diese Bescheinigung ist kein Visum, sondern eine administrative Registrierung – sie ist aber wichtig für Bankkonten, Krankenversicherung und steuerliche Registrierung. Nach fünf Jahren durchgehendem Aufenthalt hast du Anspruch auf ein Daueraufenthaltsrecht (karta stałego pobytu).
Schweizer genießen aufgrund des bilateralen Abkommens zur Personenfreizügigkeit ebenfalls das Recht auf Aufenthalt und Arbeit in Polen – der bürokratische Weg führt jedoch über eine Aufenthaltserlaubnis (zezwolenie na pobyt czasowy), die zu beantragen ist. Die Anforderungen sind gut erfüllbar und in der Praxis unproblematisch.
Für Rentner gilt: Es gibt in Polen keine spezifische Rentnervisa-Kategorie, da EU-Bürger ohnehin das Aufenthaltsrecht haben. Wichtig ist der Nachweis ausreichender Mittel – wer keiner Erwerbstätigkeit nachgeht, muss bei der Registrierung belegen können, dass er sich selbst versorgen kann, und eine Krankenversicherung nachweisen.
Steuern
Polen hat ein für Auswanderer aus Deutschland häufig attraktives Steuersystem. Der reguläre Einkommenssteuersatz ist zweistufig: 12 Prozent bis zu einem Jahreseinkommen von rund 120.000 Złoty (ca. 28.000 Euro) und 32 Prozent darüber. Das ist für viele Berufseinsteiger und Rentner deutlich niedriger als in Deutschland.
Besonders interessant ist für Selbstständige die Pauschalsteuer (ryczałt): Je nach Tätigkeit werden Einnahmen pauschal mit 8,5, 12 oder 15 Prozent besteuert – Betriebsausgaben können dabei nicht abgezogen werden, was das System aber dafür sehr einfach macht. Für IT-Freelancer etwa gilt ein Pauschalsatz von 12 Prozent auf die Einnahmen – ein erheblicher Vorteil gegenüber Deutschland.
Zwischen Deutschland und Polen besteht ein Doppelbesteuerungsabkommen (DBA), das klar regelt, welchem Staat das Besteuerungsrecht für welche Einkommensarten zusteht. Wer Polen als steuerlichen Wohnsitz begründet (Aufenthalt über 183 Tage im Jahr oder Mittelpunkt der Lebensinteressen), versteuert sein weltweites Einkommen in Polen. Die Abmeldung in Deutschland und die korrekte steuerliche Registrierung in Polen sind dabei zwingend notwendig, um Doppelbesteuerung zu vermeiden. Eine individuelle steuerliche Beratung sowohl in Deutschland als auch in Polen ist vor dem Umzug dringend zu empfehlen.
Krankenversicherung
Als EU-Bürger hast du beim Umzug nach Polen keinen automatischen Anspruch auf die polnische gesetzliche Krankenversicherung (Narodowy Fundusz Zdrowia, NFZ). Der Zugang zur NFZ setzt eine Erwerbstätigkeit oder eine selbstständige Tätigkeit in Polen, den Bezug polnischer Sozialleistungen oder eine freiwillige Mitgliedschaft voraus.
Wer in Polen angestellt arbeitet, ist automatisch über den Arbeitgeber in der NFZ versichert. Selbstständige zahlen Pflichtbeiträge zur Sozialversicherung ZUS, die auch die Krankenversicherung einschließt – die Mindestbeiträge liegen je nach Regelung bei umgerechnet 100 bis 250 Euro pro Monat, deutlich unter deutschen Vergleichswerten.
Rentner, die ihre Rente aus Deutschland beziehen und nach Polen umziehen, haben unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf Übernahme in die Krankenversicherung des Rentnerstatusses – die Deutschen Rentenversicherung und die Krankenkassen geben hierzu individuelle Auskünfte, die vor dem Umzug unbedingt einzuholen sind.
Als reine Übergangslösung oder für alle ohne NFZ-Anspruch bieten internationale private Krankenversicherungen gute Alternativen. Die Prämien für eine vollständige Abdeckung in Polen liegen je nach Alter und Leistungsumfang zwischen 50 und 250 Euro pro Monat. Das Preisniveau der Privatmedizin in Polen ist erheblich günstiger als in Deutschland – ein Arztbesuch bei einem privaten Internisten kostet in Breslau oder Kattowitz zwischen 30 und 70 Euro ohne Versicherung.
Lebenshaltungskosten
Schlesien ist im polnischen Vergleich preislich im mittleren Segment – günstiger als Warschau und Krakau, aber teurer als die ländlichen Regionen Polens im Osten. Im Vergleich zu deutschen Städten ergibt sich jedoch fast überall ein erheblicher Kostenvorteil.
In Breslau zahlst du für eine gut gelegene 2-Zimmer-Wohnung in modernem Zustand etwa 1.000 bis 1.600 Euro Miete pro Monat – in Kattowitz, Oppeln oder Gleiwitz liegt dieser Wert bei 600 bis 1.100 Euro. Kaufpreise für Wohnungen im Stadtzentrum bewegen sich in Breslau um 2.500 bis 4.000 Euro pro Quadratmeter, in den oberschlesischen Städten deutlich darunter. In Waldenburg und Beuthen sind sanierungsbedürftige Altbausubstanz bereits ab 300 bis 600 Euro pro Quadratmeter zu finden.
Die Lebensmittelkosten liegen im polnischen Einzelhandel bei schätzungsweise 50 bis 60 Prozent des deutschen Niveaus. Restaurants sind besonders günstig: Ein Mittagessen in einem guten polnischen Restaurant kostet in der Regel 5 bis 12 Euro, ein Abendessen zu zweit mit Wein 25 bis 50 Euro. Kraftstoff, öffentliche Verkehrsmittel und Dienstleistungen sind ebenfalls deutlich günstiger als in Deutschland.
Ein realistisches Monatsbudget für eine Person in Breslau – inklusive Miete, Lebensmittel, ÖPNV, Freizeitgestaltung und Krankenversicherung – beginnt bei etwa 1.000 bis 1.400 Euro. In kleineren Städten oder auf dem Land ist eine vergleichbare Lebensqualität für 700 bis 1.000 Euro pro Monat erreichbar. Kostentreiber sind vor allem die gestiegene Nachfrage durch Rückkehrer aus dem Ausland und die anhaltende Inflation, die Polen in den vergangenen Jahren besonders hart getroffen hat.
Deutschsprachige Community
Schlesien hat von allen polnischen Regionen die stärkste und historisch gewachsenste deutschsprachige Gemeinschaft. Das liegt vor allem an der deutschen Minderheit, die in der Woiwodschaft Oppeln konzentriert ist und dort über anerkannte politische Vertretungen, Kulturvereine und deutsch-polnische Schulen verfügt. Der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) ist die Dachorganisation dieser Strukturen und betreibt ein dichtes Netzwerk lokaler Vereine und Kulturzentren.
In Breslau gibt es eine aktive Expat-Community mit regelmäßigen Stammtischen für Deutschsprachige, ein deutsches Generalkonsulat und mehrere deutschsprachige Unternehmer- und Netzwerkgruppen. Das Deutsche Kulturforum Östliches Europa ist in der Region aktiv, und das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau ist ein intellektueller Treffpunkt mit deutschem Bezug.
In Kattowitz und den oberschlesischen Städten ist die deutschsprachige Infrastruktur weniger ausgeprägt als in Breslau, aber durch die oberschlesische Identität und die Nähe zu Deutschland (Kattowitz liegt weniger als 100 km von der deutschen Grenze entfernt) gibt es viel kulturelle Nähe. Viele ältere Schlesier sprechen noch Deutsch oder verstehen es zumindest, und in der Grenzregion zur Woiwodschaft Oppeln ist Deutsch alltagspraktisch einsetzbar.
Für Neuankömmlinge empfiehlt sich die aktive Suche nach Expat-Gruppen über Plattformen wie Internations oder Facebook-Gruppen – die Gemeinschaft ist kleiner als in Westeuropa-Destinationen, aber eng vernetzt und erfahrungsgemäß sehr hilfsbereit gegenüber Neuankömmlingen.
Autorenkommentar
Schlesien ist für mich eine der ehrlichsten Auswanderungsoptionen in Europa – keine Lifestyle-Illusion, die sich beim näheren Hinsehen in Luft auflöst, sondern eine Region mit echten Substanz-Argumenten: zentrale Lage, historische Tiefe, funktionierender Alltag zu Kosten, die in Deutschland schlicht nicht mehr erreichbar sind. Breslau ist eine Stadt, die Energie hat ohne Hektik – das ist eine Kombination, die sich seltener findet, als man denkt. Wer aus dem deutschsprachigen Raum kommt und Wert auf kulturelle Kontinuität legt, wird in Schlesien mehr Heimat finden als in vielen klassischen Sonnen-Destinationen.
Was ich dir mitgeben möchte: Unterschätze nicht den bürokratischen Aufwand der ersten Monate. Die Registrierung, die steuerliche Ummeldung, das Bankkonto, die Krankenversicherung – all das ist machbar, braucht aber Zeit und idealerweise einen lokalen Ansprechpartner, der Polnisch spricht. Mit der richtigen Vorbereitung ist Schlesien aber eines der unkompliziertesten EU-Länder für Deutschsprachige – und eines, das langfristig mehr bietet, als es auf den ersten Blick verspricht.
Jan Harmening, Expat seit 2005
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