Bergen und die Westfjorde Norwegens gehören zu den spektakulärsten Regionen Europas – und für Auswanderer aus Deutschland zu den am meisten unterschätzten. Zwischen schroffen Fjordwänden, tiefgrünen Tälern und einer Stadt, die als Tor zu den Fjorden gilt, findest du hier eine Lebensqualität, die viele erst nach dem Umzug wirklich zu schätzen lernen. Wer Ruhe, Natur und ein funktionierendes Sozialsystem sucht, ist in dieser Ecke Norwegens goldrichtig.

Die Region punktet mit mehreren Stärken gleichzeitig: Bergen selbst ist eine lebendige, internationale Hafenstadt mit Universität, guter Infrastruktur und kurzen Wegen zu Natur pur. Die umliegenden Fjordlandschaften bieten dagegen echte Ruhe und ein Leben im Rhythmus der Natur – ideal für alle, die dem hektischen Alltag entfliehen wollen. Dazu kommen ein stabiler Arbeitsmarkt, hohe Löhne, ein verlässliches Gesundheitssystem und die Freizügigkeit als EWR-Bürger, die dir den Umzug erheblich erleichtert.
In diesem Artikel zeigen wir dir die wichtigsten Teilregionen zwischen Bergen und den Westfjorden, gehen auf Klima, Visum, Steuern, Krankenversicherung, Lebenshaltungskosten und die deutschsprachige Community ein – damit du eine fundierte Entscheidung treffen kannst, ob dieser Teil Norwegens zu deinem neuen Leben passt.
Die wichtigsten Teilregionen
Bergen (Stadt)
Bergen ist mit rund 290.000 Einwohnern Norwegens zweitgrößte Stadt und das urbane Zentrum der gesamten Westküste. Die Altstadt Bryggen mit ihren bunten Holzhäusern ist UNESCO-Weltkulturerbe, gleichzeitig ist Bergen eine moderne Universitäts- und Hafenstadt mit internationalem Flair. Die Infrastruktur ist ausgezeichnet: Bahnverbindung nach Oslo, internationaler Flughafen, gut ausgebautes Bussystem und eine der modernsten Stadtbahnen Skandinaviens.
Für wen geeignet: Berufstätige, Studierende und Familien, die urbanes Leben mit direktem Naturzugang verbinden wollen.
Besonderheit: Sieben Berge umschließen die Stadt – Wandern und Bergluft sind hier buchstäblich Teil des Alltags.
Sognefjord-Region
Der Sognefjord ist mit über 200 Kilometern Norwegens längster und tiefster Fjord. Orte wie Balestrand, Sogndal oder Flåm liegen eingebettet zwischen steilen Felswänden und schneebedeckten Gipfeln. Die Region lebt stark vom Tourismus, bietet aber auch eine solide lokale Wirtschaft mit Landwirtschaft, Fischzucht und kleineren Dienstleistungsbetrieben.
Für wen geeignet: Naturliebhaber, Selbstständige mit ortsunabhängigem Arbeitsmodell, Rentner, die absolute Ruhe suchen.
Besonderheit: Die spektakulärste Fjordlandschaft Norwegens direkt vor der Haustür, dazu ein noch bezahlbares Immobilienniveau abseits der Hauptorte.
Hardangerfjord-Region
Der Hardangerfjord ist bekannt für seine Obstplantagen, blühenden Apfelbäume im Frühling und die dramatische Kombination aus Fjord und Hochgebirge. Orte wie Odda, Norheimsund oder Ulvik bieten ein ruhiges, gemeinschaftliches Lebensgefühl mit guter Grundversorgung.
Für wen geeignet: Familien und Rentner, die kleinstädtisches Leben mit starkem Naturbezug schätzen.
Besonderheit: Der „Obstgarten Norwegens“ – im Mai verwandelt sich die Region in ein Blütenmeer.
Voss
Voss liegt zwischen Bergen und dem Hardangerfjord und ist ein Zentrum für Outdoor-Sport – von Skifahren im Winter bis Extremsport im Sommer. Der Ort hat eine gute Bahnanbindung nach Bergen und Oslo und bietet eine überschaubare, aber aktive Infrastruktur.
Für wen geeignet: Sportbegeisterte, Familien mit älteren Kindern, Berufstätige mit Pendelbereitschaft nach Bergen.
Besonderheit: Norwegens inoffizielle Extremsport-Hauptstadt mit internationalem Publikum.
Nordfjord
Nordfjord liegt nördlich von Sognefjord und ist deutlich ländlicher geprägt. Orte wie Nordfjordeid oder Stryn sind klein, aber gut organisiert, mit Blick auf Gletscher wie den Jostedalsbreen. Die Region ist wirtschaftlich stärker von Fischerei und Landwirtschaft geprägt als von Tourismus.
Für wen geeignet: Rentner und Selbstständige, die maximale Naturnähe und niedrigere Lebenshaltungskosten suchen.
Besonderheit: Direkter Zugang zu Europas größtem Festlandgletscher.
Sunnhordland & Stord
Diese Inselregion südlich von Bergen ist wirtschaftlich stark durch Industrie, Schifffahrt und Energiewirtschaft geprägt. Stord als größte Insel bietet eine solide Infrastruktur mit Krankenhaus, weiterführenden Schulen und guter Fährverbindung.
Für wen geeignet: Berufstätige in Industrie und Technik, Familien, die Arbeitsplatzsicherheit priorisieren.
Besonderheit: Einer der wirtschaftlich stabilsten Teile der gesamten Westküste.
Nordhordland & Askøy
Direkt nördlich von Bergen gelegen, verbindet diese Region Vorstadtcharakter mit Inselleben. Askøy ist über eine Brücke mit Bergen verbunden und daher bei Pendlern beliebt, während die weiter nördlich gelegenen Gemeinden ruhiger und ländlicher sind.
Für wen geeignet: Familien, die Bergen-Nähe mit mehr Platz und niedrigeren Grundstückspreisen kombinieren wollen.
Besonderheit: Kurze Pendeldistanz zur Stadt bei deutlich entspannterem Wohnumfeld.
Øygarden & die Küsteninseln
Die äußersten Inseln westlich von Bergen sind geprägt von offenem Meer, Fischerei und in den letzten Jahren zunehmend von der Energiewirtschaft, insbesondere Offshore-Wind und CO2-Speicherprojekten. Das Leben hier ist rau, aber die Gemeinschaften sind eng verbunden.
Für wen geeignet: Menschen mit Bezug zu maritimen Berufen oder Energiewirtschaft, alle, die echtes Inselleben suchen.
Besonderheit: Zunehmend wichtiger Standort für Norwegens Energiewende, mit entsprechenden Jobperspektiven.
Klima & Naturrisiken
Bergen gilt als eine der regenreichsten Städte Europas – im Schnitt fällt an mehr als 200 Tagen im Jahr Niederschlag. Das solltest du realistisch einplanen, denn es prägt den Alltag spürbar: gute Regenkleidung ist hier kein Accessoire, sondern Notwendigkeit. Dafür sind die Temperaturen dank Golfstrom milder, als man auf dieser Breite erwarten würde – die Winter sind selten extrem kalt, Sommer angenehm mild mit Höchstwerten um 18 bis 22 Grad.
In den Fjordregionen und im Hochland rund um Voss und Hardanger fällt deutlich mehr Schnee, was im Winter zu Straßensperrungen führen kann. Lawinengefahr ist in steilen Tälern ein reales Thema, weshalb viele Straßen und Bahnstrecken über Wintermonate zeitweise gesperrt werden. Erdbeben oder Hurrikane spielen in dieser Region praktisch keine Rolle. Relevanter sind Sturzfluten nach starken Regenfällen sowie gelegentliche Erdrutsche in steilem Gelände – die norwegischen Behörden überwachen solche Risikogebiete mittlerweile sehr genau und informieren frühzeitig.
Wer Wert auf trockenere Sommer legt, findet diese eher in den inneren Fjordarmen wie Sogndal oder Nordfjordeid, da die Küstennähe Bergens für die höchste Niederschlagsmenge verantwortlich ist.
Visum & Aufenthalt
Als deutscher Staatsbürger profitierst du von der Personenfreizügigkeit im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), dem Norwegen angehört, obwohl das Land kein EU-Mitglied ist. Das bedeutet konkret: Du brauchst kein klassisches Visum, um nach Norwegen einzureisen und dort zu leben oder zu arbeiten. Stattdessen registrierst du dich nach der Einreise bei der norwegischen Polizei beziehungsweise über das Registrierungsportal für EWR-Bürger, sobald du dich länger als drei Monate im Land aufhältst.
Für Berufstätige ist der gängigste Weg die Registrierung als Arbeitnehmer oder Selbstständiger, wofür ein Arbeitsvertrag beziehungsweise ein Nachweis der selbstständigen Tätigkeit erforderlich ist. Für Rentner gibt es die Möglichkeit der Registrierung als Person mit ausreichenden eigenen Mitteln, bei der du nachweisen musst, dass du deinen Lebensunterhalt eigenständig finanzieren kannst und über eine Krankenversicherung verfügst. Studierende registrieren sich über den Nachweis der Immatrikulation und ausreichender finanzieller Mittel.
Nach fünf Jahren durchgehendem, rechtmäßigem Aufenthalt kannst du eine dauerhafte Aufenthaltsbescheinigung beantragen, die dir einen noch stabileren Status verschafft. Wichtig zu wissen: Die Freizügigkeit gilt unbefristet, solange du eine der genannten Voraussetzungen erfüllst – ein Verlust des Jobs bedeutet also nicht automatisch den Verlust deines Aufenthaltsrechts, solange du dich um eine neue Beschäftigung bemühst oder andere Kriterien erfüllst.
Steuern
Norwegen hat mit Deutschland ein Doppelbesteuerungsabkommen, das verhindert, dass du auf dieselben Einkünfte in beiden Ländern Steuern zahlst. Sobald du deinen Wohnsitz nach Norwegen verlegst und dort mehr als 183 Tage im Jahr verbringst, giltst du in der Regel als steuerlich ansässig in Norwegen – mit der Konsequenz, dass dein weltweites Einkommen dort besteuert wird.
Das norwegische Steuersystem ist progressiv gestaltet und liegt in der Spitze bei etwas über 47 Prozent, inklusive Sozialabgaben. Zusätzlich erhebt Norwegen eine Vermögenssteuer auf Nettovermögen oberhalb eines bestimmten Freibetrags, was besonders für Personen mit Immobilienbesitz oder größerem Kapitalvermögen relevant ist und in Deutschland in dieser Form nicht existiert. Wer als Rentner nach Norwegen zieht, sollte sich vorab genau informieren, wie die deutsche Rente steuerlich behandelt wird – hier greift meist eine Aufteilung der Besteuerungsrechte zwischen beiden Ländern gemäß Doppelbesteuerungsabkommen.
Diese Informationen ersetzen keine individuelle Steuerberatung. Gerade bei komplexeren Einkommenssituationen – etwa bei Selbstständigkeit, Kapitaleinkünften oder Immobilienbesitz in Deutschland – empfiehlt sich unbedingt eine Beratung durch einen auf deutsch-norwegische Sachverhalte spezialisierten Steuerberater.
Krankenversicherung
Die deutsche gesetzliche Krankenversicherung gilt in Norwegen nicht weiter, sobald du deinen Wohnsitz dauerhaft verlegst. Als EWR-Bürger wirst du nach deiner Registrierung Mitglied der norwegischen Folketrygden, dem staatlichen Sozial- und Gesundheitssystem, das eine umfassende medizinische Grundversorgung sicherstellt. Die Mitgliedschaft ist an deinen gemeldeten Wohnsitz und in der Regel an eine Beschäftigung oder ausreichende eigene Mittel gekoppelt.
In der Übergangsphase bis zur vollständigen Registrierung solltest du eine private Auslandskrankenversicherung abschließen, um Versorgungslücken zu vermeiden. Auch danach entscheiden sich manche Auswanderer für eine private Zusatzversicherung, da das norwegische System zwar solide, aber mit teils längeren Wartezeiten bei nicht akuten Behandlungen verbunden ist – private Zusatzpolicen kosten je nach Anbieter und Deckungsumfang zwischen umgerechnet 50 und 150 Euro monatlich. Für Rentner ist es besonders wichtig: Die Anerkennung deiner Vorversicherungszeiten aus Deutschland kann die Wartezeit bis zur vollen Leistungsberechtigung im norwegischen System verkürzen, weshalb sich eine frühzeitige Klärung mit der zuständigen Krankenkasse lohnt.
Lebenshaltungskosten
Bergen selbst gehört zu den teureren Städten Norwegens, wenn auch günstiger als Oslo. Für eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Zentrum solltest du mit umgerechnet 1.200 bis 1.600 Euro Miete rechnen, in Randlagen liegt das Niveau spürbar niedriger. Lebensmittel, Restaurantbesuche und Alkohol sind im norwegischen Vergleich zu Deutschland deutlich teurer – hier solltest du im Alltag mit etwa 30 bis 50 Prozent höheren Kosten kalkulieren als in einer vergleichbaren deutschen Stadt.
Innerhalb der Region gibt es aber erhebliche Unterschiede. In den Fjordgemeinden entlang von Sognefjord, Hardanger oder Nordfjord sind sowohl Mieten als auch Immobilienpreise deutlich niedriger als in Bergen – ein Einfamilienhaus lässt sich hier teilweise schon für einen Bruchteil des Bergen-Preises erwerben. Auf den Inseln wie Stord oder Askøy bewegt sich das Preisniveau meist zwischen Bergen und den ländlichen Fjordorten.
Größte Kostentreiber sind neben Wohnen vor allem Energie, Auto und Alkohol – letzterer unterliegt in Norwegen hohen Sondersteuern. Wer auf ein Auto verzichten und stattdessen Bergens gutes ÖPNV-Netz nutzen kann, spart erheblich. In den ländlicheren Fjordregionen ist ein eigenes Fahrzeug dagegen praktisch unverzichtbar.
Deutschsprachige Community
Die deutschsprachige Präsenz in Bergen ist überschaubar, aber vorhanden und gut organisiert. Durch die Universität Bergen und internationale Unternehmen leben zahlreiche Deutsche in der Stadt, die sich regelmäßig zu informellen Stammtischen treffen. Auch das Goethe-Institut und deutschsprachige kulturelle Veranstaltungen sorgen für Vernetzungsmöglichkeiten.
Außerhalb von Bergen dünnt sich die deutschsprachige Community merklich aus – in den Fjordregionen und auf den Inseln lebst du überwiegend unter Norwegern, was den Spracherwerb beschleunigt, aber auch mehr Eigeninitiative bei der Integration erfordert. Deutschsprachige Dienstleister wie Steuerberater oder Anwälte mit Spezialisierung auf deutsch-norwegische Fragen findest du meist nur in Bergen selbst oder über Online-Angebote, die überregional arbeiten.
Autorenkommentar
In Bergen wird Regen nicht als Störung behandelt, sondern als Teil des Lebens akzeptiert – diese Grundhaltung sagt viel über die norwegische Mentalität aus, die mir persönlich sehr zusagt: pragmatisch, unaufgeregt, naturverbunden.
Wenn du überlegst, hierher zu ziehen, rate ich dir, dich nicht nur auf Bergen selbst zu fixieren. Die Fjordregionen bieten ein völlig anderes, oft günstigeres und ruhigeres Leben, das viele Neuankömmlinge erst mit Verzögerung entdecken. Nimm dir Zeit für einen längeren Testaufenthalt, bevor du eine endgültige Entscheidung triffst – gerade das norwegische Winterhalbjahr will man erlebt haben, bevor man sich festlegt.
Jan Harmening, Expat seit 2005 Über uns
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