Wenn du an Auswandern nach Indonesien denkst, fällt dir wahrscheinlich zuerst Bali ein. Doch nur eine kurze Bootsfahrt von Lombok entfernt liegen die Gili-Inseln – ein Trio aus Gili Trawangan, Gili Meno und Gili Air, das inzwischen zu einem eigenständigen Ziel für Auswanderer geworden ist. Kein Autoverkehr, kein Lärm, dafür türkisblaues Wasser direkt vor der Haustür und ein Lebenstempo, das sich radikal von deutschem Alltagsstress unterscheidet. Genau diese Kontraste machen die Gili-Inseln für viele Aussteiger so attraktiv.

Die Stärken liegen auf der Hand: autofreie Zonen, in denen du dich zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Pferdekarren (Cidomo) bewegst, eine wachsende internationale Community aus Digitalnomaden, Tauchlehrern und Gastronomen sowie vergleichsweise niedrige Lebenshaltungskosten. Dazu kommt die Nähe zu Bali als Verwaltungs- und Versorgungszentrum, während du selbst auf den Gilis das Inselleben in Reinform erlebst. Wer Ruhe, Meer und ein überschaubares soziales Umfeld sucht, findet hier eine Nische, die sich deutlich von den touristisch überlaufenen Ecken Balis abhebt.
Dieser Artikel nimmt dich mit durch die drei Gili-Inseln und ihre jeweilige Atmosphäre, erklärt dir die wichtigsten Fakten zu Klima, Visum, Steuern, Krankenversicherung, Lebenshaltungskosten und der deutschsprachigen Community vor Ort. Am Ende bekommst du meine persönliche Einschätzung als jemand, der selbst seit über zwanzig Jahren im Ausland lebt.
Die wichtigsten Teilregionen
Gili Trawangan (Gili T)
Die größte und lebendigste der drei Inseln ist gleichzeitig das touristische und wirtschaftliche Zentrum des Archipels. Hier reihen sich Beachclubs, Restaurants, Tauchschulen und Boutique-Hotels entlang der Ostküste, während das Inselinnere ruhiger und grüner bleibt. Die Infrastruktur ist für Gili-Verhältnisse gut ausgebaut: mehrere Geldautomaten, Supermärkte, eine solide Auswahl an Ärzten und Kliniken sowie stabiles Internet in den meisten Unterkünften und Cafés.
Für wen geeignet: Selbstständige und Digitalnomaden, die Gesellschaft, Nachtleben und eine aktive Expat-Szene schätzen.
Besonderheit: Zentrum der Tauch- und Wassersportszene mit mehreren internationalen PADI-Schulen.
Gili Meno
Die kleinste und ruhigste der drei Inseln ist bewusst unterentwickelt geblieben. Wenige Unterkünfte, schmale Sandwege, kaum Nachtleben – dafür Natur pur mit einer Schildkrötenaufzuchtstation und einigen der schönsten Sonnenuntergänge der Region. Wer hier lebt, akzeptiert eine sehr reduzierte Infrastruktur mit wenigen Geschäften und längeren Wegen für alles, was über das Nötigste hinausgeht.
Für wen geeignet: Rentner und Paare, die absolute Ruhe suchen und mit minimaler Infrastruktur zufrieden sind.
Besonderheit: Naturschutzprojekte für Meeresschildkröten und ein fast unberührtes Riff direkt vor der Küste.
Gili Air
Die dritte Insel gilt als der Mittelweg zwischen Trawangan und Meno: genug Restaurants, Cafés und Yogastudios für ein angenehmes Alltagsleben, aber ohne das Partytreiben der großen Nachbarinsel. Gili Air hat sich in den letzten Jahren zu einem Anziehungspunkt für langfristig bleibende Ausländer entwickelt, die Wert auf Lebensqualität statt Trubel legen.
Für wen geeignet: Familien und Berufstätige im Homeoffice, die Balance zwischen Ruhe und Versorgung suchen.
Besonderheit: Wachsende Zahl an Co-Working-Spaces und internationalen Schulen in Reichweite über Lombok.
Bangsal & die Lombok-Anbindung
Bangsal ist der Hafenort auf Lombok, über den sämtlicher Boot- und Warenverkehr zu den Gilis läuft. Wer auf den Inseln lebt, hat hier praktisch täglich mit Bangsal zu tun – sei es für Bankgeschäfte, Behördengänge oder größere Einkäufe, die auf den Gilis nicht verfügbar sind. Manche Auswanderer entscheiden sich sogar, eine Zweitresidenz auf Lombok zu behalten, um bei Bedarf schneller Zugriff auf Krankenhäuser und Flughafen zu haben.
Für wen geeignet: Auswanderer, die eine Basis auf dem Festland als Rückzugsort und Versorgungsanker schätzen.
Besonderheit: Direkte Fährverbindung zum internationalen Flughafen Lombok in etwa einer Stunde.
Senggigi (Lombok-Westküste)
Wer sich mit dem reinen Inselleben nicht dauerhaft anfreunden kann, aber die Nähe zu den Gilis behalten möchte, findet in Senggigi eine Alternative auf dem Festland. Die Küstenstadt bietet mehr medizinische Infrastruktur, internationale Restaurants und eine etablierte Expat-Szene, während die Gilis nur eine kurze Bootsfahrt entfernt bleiben.
Für wen geeignet: Familien und Berufstätige, die Wert auf medizinische Versorgung und Infrastruktur legen, aber Strandnähe nicht missen wollen.
Besonderheit: Ausgangspunkt für Tagesausflüge zu allen drei Gili-Inseln ohne dort permanent zu wohnen.
Mataram (Verwaltungszentrum Lombok)
Die Provinzhauptstadt Lomboks ist der praktische Ankerpunkt für alle bürokratischen Angelegenheiten – Immigration Office, Banken, größere Krankenhäuser und der internationale Flughafen liegen hier. Für das tägliche Leben ist Mataram für die meisten Auswanderer zu urban und zu weit von den Gilis entfernt, aber als Anlaufstelle für Visa- und Behördenangelegenheiten unverzichtbar.
Für wen geeignet: Niemand als dauerhafter Wohnort, aber jeder Gili-Auswanderer regelmäßig als Verwaltungsstopp.
Besonderheit: Sitz des Immigration Office, das für Visaverlängerungen der gesamten Region zuständig ist.
Klima & Naturrisiken
Die Gili-Inseln liegen in der tropischen Klimazone mit zwei klar getrennten Jahreszeiten. Die Trockenzeit von April bis Oktober bringt beständig warmes Wetter, wenig Niederschlag und ist die beliebteste Reise- und Ankunftszeit. Die Regenzeit von November bis März bringt hohe Luftfeuchtigkeit, kräftige, meist kurze Schauer am Nachmittag und gelegentlich stärkere Stürme, die den Bootsverkehr zeitweise lahmlegen können. Temperaturen liegen ganzjährig zwischen 26 und 32 Grad, echte Kälteperioden gibt es nicht.
Naturrisiken solltest du realistisch einordnen: Die Region liegt im pazifischen Feuerring und ist erdbebengefährdet – 2018 erschütterte ein schweres Erdbeben Lombok und die Gilis erheblich, mit Schäden an Gebäuden und Infrastruktur. Tsunamigefahr besteht grundsätzlich, auch wenn die Häufigkeit gering ist. Während der Regenzeit kann es zu Überschwemmungen in tiefer gelegenen Bereichen kommen, und die Bootsanbindung zum Festland ist bei starkem Wellengang unzuverlässig – ein Faktor, den du bei medizinischen Notfällen einkalkulieren musst.
Visum & Aufenthalt
Für Deutsche gibt es mehrere Wege, sich in Indonesien und damit auf den Gili-Inseln länger aufzuhalten. Das Visa on Arrival erlaubt einen Aufenthalt von 30 Tagen mit einmaliger Verlängerungsmöglichkeit um weitere 30 Tage – für einen ersten Test des Inselleben ausreichend, aber keine dauerhafte Lösung.
Realistischer für längere Aufenthalte ist das Social-Culture-Visum (Visa Sosial Budaya), das über einen lokalen Sponsor beantragt wird und mehrfach verlängert werden kann. Für Selbstständige und Remote-Worker hat Indonesien in den letzten Jahren das Second Home Visa eingeführt, das bei Nachweis eines ausreichenden Guthabens auf einem indonesischen Konto einen Aufenthalt von bis zu zehn Jahren ermöglicht – allerdings mit einer Kapitalanforderung, die deutlich höher liegt als bei vergleichbaren Programmen in Thailand oder Malaysia.
Für Rentner existiert kein spezielles Rentnervisum wie in manchen anderen südostasiatischen Ländern; die meisten älteren Auswanderer nutzen entweder das Social-Culture-Visum mit regelmäßigen Verlängerungen oder das Second Home Visa. Eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis (KITAP) ist grundsätzlich erreichbar, erfordert aber in der Regel vorherige Jahre mit einem Aufenthaltstitel wie dem KITAS, meist über eine Investitions- oder Arbeitsgenehmigung. Für die Gili-Inseln bedeutet das in der Praxis: Die meisten Langzeit-Auswanderer leben mit wiederkehrenden Social-Culture-Visa oder haben über eine lokale Firmengründung ein Arbeitsvisum organisiert.
Steuern
Indonesien und Deutschland haben ein Doppelbesteuerungsabkommen, das eine doppelte Besteuerung derselben Einkünfte grundsätzlich verhindert. Entscheidend für deine steuerliche Situation ist, wo du als steuerlich ansässig giltst. Wer sich mehr als 183 Tage im Jahr in Indonesien aufhält, wird in der Regel dort steuerpflichtig, während die deutsche unbeschränkte Steuerpflicht endet, sobald kein Wohnsitz und kein gewöhnlicher Aufenthalt mehr in Deutschland besteht.
Indonesien besteuert grundsätzlich das Welteinkommen steuerlich ansässiger Personen, mit Steuersätzen, die progressiv bis auf 35 Prozent für hohe Einkommen steigen. Für Selbstständige mit lokaler Firma (PT PMA) gelten eigene Regelungen zur Körperschaftsteuer. Wichtig: Die Durchsetzung der Steuerpflicht für Ausländer mit Social-Culture-Visum ist in der Praxis oft lückenhaft, was aber keine Rechtssicherheit bedeutet. Lass dir vor der Auswanderung von einem Steuerberater mit Indonesien-Erfahrung eine individuelle Einschätzung geben, insbesondere wenn du weiterhin Einkünfte aus Deutschland beziehst, etwa aus Vermietung oder Rente.
Krankenversicherung
Die deutsche gesetzliche Krankenversicherung leistet in Indonesien grundsätzlich nicht, da es sich um kein EU- oder Abkommensland handelt. Wer dauerhaft auf den Gili-Inseln lebt, benötigt daher zwingend eine private internationale Krankenversicherung, die auch Rückholung im Notfall abdeckt – ein Punkt, der angesichts der eingeschränkten medizinischen Infrastruktur auf den Inseln selbst besonders wichtig ist.
Die medizinische Versorgung vor Ort beschränkt sich auf kleinere Kliniken und Erste-Hilfe-Stationen, die für einfache Fälle wie Schnittwunden, Infektionen oder Taucherunfälle ausgerichtet sind. Bei ernsteren Notfällen ist ein Bootstransfer nach Lombok oder ein Flug nach Bali notwendig, was bei schlechtem Wetter zu gefährlichen Verzögerungen führen kann. Eine internationale Krankenversicherung mit Evakuierungsschutz kostet je nach Alter, Deckungsumfang und Selbstbehalt üblicherweise zwischen 100 und 300 Euro monatlich für Einzelpersonen, kann bei älteren Antragstellern oder umfassenderem Schutz aber auch deutlich darüber liegen.
Lebenshaltungskosten
Innerhalb der Gili-Inseln gibt es spürbare Preisunterschiede. Gili Trawangan ist als touristischstes Zentrum am teuersten, insbesondere bei Unterkünften in Strandnähe und in Beachclubs. Gili Air liegt im mittleren Preissegment, während Gili Meno durch die geringe Auswahl an Restaurants und Geschäften paradoxerweise nicht zwangsläufig günstiger ist, da vieles importiert werden muss.
Im Vergleich zu einer deutschen Mittelstadt liegen die Gesamtlebenshaltungskosten auf den Gilis für die meisten Auswanderer deutlich niedriger, auch wenn importierte Güter, alkoholische Getränke und westliche Produkte teurer sind als in Deutschland. Eine einfache Wohnung oder ein Bungalow ist je nach Insel und Lage ab umgerechnet 300 bis 600 Euro monatlich zu finden, gehobenere Villen mit Pool kosten entsprechend mehr. Größter Kostentreiber ist meist die Krankenversicherung, gefolgt von Reisekosten für regelmäßige Visa-Läufe und dem generell höheren Preisniveau bei allem, was per Boot importiert werden muss – von Baumaterial bis zu bestimmten Lebensmitteln.
Deutschsprachige Community
Eine organisierte deutschsprachige Community mit festen Stammtischen oder Vereinen existiert auf den Gili-Inseln bislang nicht in nennenswertem Umfang. Die internationale Expat-Szene ist stark englisch- und teils niederländisch- oder skandinavisch geprägt, insbesondere durch die Tauch- und Yogaszene. Einzelne deutschsprachige Auswanderer und Geschäftsinhaber finden sich verstreut über alle drei Inseln, vor allem im Gastronomie- und Tauchsportbereich, organisieren sich aber eher informell über soziale Netzwerke als in festen Strukturen.
Auf Bali, nur eine kurze Anreise entfernt, existiert dagegen eine deutlich aktivere deutschsprachige Community mit regelmäßigen Treffen, was für viele Gili-Auswanderer ein zusätzlicher Grund ist, gelegentlich für soziale Kontakte oder Behördengänge überzusetzen.
Autorenkommentar
Was an den Gilis am meisten überzeugt, ist die Ehrlichkeit der Entscheidung, die du dort triffst. Es gibt kein Drumherum: Du lebst ohne Auto, mit eingeschränkter medizinischer Versorgung und einer Infrastruktur, die du selbst organisieren musst. Wer das unterschätzt, scheitert schnell an der Realität hinter den Postkartenmotiven.
Wenn du aber bereit bist, dich auf dieses reduzierte Leben einzulassen, bekommst du etwas zurück, das auf dem Festland kaum zu finden ist – eine Nähe zu Meer und Natur, die den Alltag komplett umformt. Kläre vorher unbedingt deine Krankenversicherung und deine Visastrategie, bevor du dich für eine der drei Inseln entscheidest, denn diese beiden Punkte entscheiden auf den Gilis über deine Lebensqualität mehr als irgendwo sonst.
Jan Harmening, Expat seit 2005 – Mehr über mich
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